Es kam 1969 zu einer Teilkernschmelze im Graphit-Gas-Reaktor Nummer 1 der Anlage. 50 Kilo Uran schmelzten. 1980 ereignete sich eine weitere Teilkernschmelze, dieses mal im Graphit-Gas-Reaktor Nummer 2. 20 Kilo Uran schmelzten. Die Brennelemente befanden sich schon zwei Jahre im Reaktor, so dass die freigesetzte Strahlung höher war als 1969. Ca. 500 ArbeiterInnen wurden zur Begrenzung und Vertuschung des Unfalls eingesetzt.
In Bodenproben aus der Umgebung des AKW Saint Laurent des Eaux sind heute noch Spuren von Plutonium zu finden. Interne Unterlagen bezeugen, dass Plutonium 5 Jahre lang häppchenweise freigesetzt wurde. Eine nach der damaligen und jetzigen Rechtslage illegale Freisetzung von Radioaktivität. Aber wem kümmerte es damals? Wir befanden uns mitten im kalten Krieg, die Graphit-Gas-Reaktoren waren zur Erzeugung von Plutonium für die französische Atombombe gebaut worden. Die Pläne zur „zivilen“ Nutzung der Atomenergie waren beschlossene Sache, die ersten „zivilen“ AKWs bereits im Betrieb, es sollten viel mehr kommen. Da konnte man einen Unfall nur vertuschen – um die Bevölkerung nicht zu verunsichern, die nationale Sicherheit zu Gewährleisten und das Atomprogramm durchzuziehen. Die Anti-AKW-Bewegung sollte bloß nicht beflügelt werden.
Im interview will der ehemalige Chef des nationalen Stromkonzerns EDF Marcel Boiteux nichts von einem Unfall in Saint Laurent des Eaux während seiner langjährigen Amtszeit wissen. Im Laufe des Gesprächs wird aber schnell klar, dass er sehr wohl weiß, worum es geht.

Aus dem Interview in der Reportage, ab Timecode 20:05

Journalist: „Mussten Sie in ihrer Amtszeit als Chef der EDF einen Atomren Unfall managen?

M.Boiteux: Nein

Journalist:  Ich stelle mir Fragen, weil in einem  internen Bericht des AKW Saint Laurent des Eaux aus dem Jahr 1980 was verunsicherndes steht, es steht das Plutonium in die Loire freigesetzt wurde.

M. Boiteux: Das ist nichts wichtiges.

Journalist: Das ist immerhin Plutonium.

M. Boiteux: Ja aber...

Journalist: Das ist untersagt!

M. Boiteux: Ja, klar, das ist nicht gut, aber... das ist nicht gut aber das ist nicht schlimm, das ist was ich sagen will.

Journalist: Das ist illegal.

M. Boiteux: Das ist illegal, seinen Nachbarn umzubringen, wenn man im Auto sitzt, Sie stoßen mit dem aus der Gegenrichtung kommende Auto zusammen, sie halten den Steuer nicht gut in der Hand... also bei einem Unfall passieren Dinge die illegal sind und das weiß man ja.

Journalist: Warum wurde die Freisetzung damals toleriert?

M. Boiteux: Ich denke wir haben das mit der Genehmigung der Behörden getan, das wäre nicht anders gegangen.

Journalist: Verstehen Sie, dass es Menschen gibt, die der Auffassung sind, dass da Dinge vertuscht wurden.

M. Boiteux: Es gibt Menschen, die sowas denken, das glaube ich aber nicht. Wir haben immer veröffentlicht, was passiert ist.

Journalist: Aber das Dokument hier zum Beispiel, nein, das mit der Freisetzung des Plutoniums, das wurde nie veröffentlicht. Die Information stammt aus einem internen Dokumenten.

M. Boiteux: Wir haben zur Freisetzung von Plutonium in die Loire keine Pressemitteilung mit der Information, dass keine Gefahr besteh, gemacht. Ansonsten, ja das hätte Probleme nach sich gezogen. Die Menschen wären verängstigt geflohen, es hätte Autounfälle und all das was dazu gehört gegeben. Man muss in solchen Fällen Verantwortung übernehmen. J

Journalist: Eine Art sich verantwortlich zu zeigen wäre vielleicht auch gewesen, gegen das Gesetz nicht zu verstoßen, dieses Plutonium nicht freizusetzen.

M. Boiteux: Wo wollen Sie mit dem Plutonium hin?

Journalist: Das weiß ich nicht, ich frage Sie.

M. Boiteux: Das haben wir nicht aus Spaß gemacht.“


Der Unfall wurde erst nach 14 Jahren öffentlich und auf der Stufe 4 der INES Skala klassifiziert. Die Freisetzung von Plutonium wurde nie offiziell zugegeben. Wenn es so wäre, müsste der Unfall auf der Stufe 5 hoch gestuft werden.

Die Reportage führt uns sodann nach La Hague. Der Journalist will heraus finden, wie viel Atommüll wirklich entsteht. Die ehemalige AREVA Chefin Anne Lauvergeon hat immer behauptet, die Menge entspräche etwa die Kapazität eines olympischen Schwimmbads.


Der Journalist war bei der Wiederaufbereitungsanlage in La Hague unerwünscht und durfte nicht drehen. Das Endlager für schwach und mittel radioaktivem Müll (Centre de stockage de la Manche) durfte er dagegen besichtigen.
Das Lager wurde auf einem trocken gelegtem Sumpf gebaut. Darunter nehmen mehrere Bäche ihre Quelle, sie sind alle mit radioaktivem Tritium verseucht. Die umliegenden Brunnen ebenfalls. Ein ehemaliger Arbeiter zeigt Bilder von aufgeplatzten Behältern. Auf seine ehemalige Arbeit ist er nicht stolz. „Ich schäme mich da mitgemacht zu haben“ erzählt er vor der Kamera. 


Im Interview will die Sprecherin der ANDRA (Nationalagentur für die Entsorgung von Atommüll) von Lecks nicht wissen (ab Timecode 31 min). Es geht um natürliche Freisetzung. Dass Tritium austritt, ist ganz normal, also ist der Begriff „fuite“ = „Leck“  tabou. Atompoltisch korrekt muss man „dégagement“ = “Freisetzung“ sagen.

Zum Atomkomplex in La Hague habe ich 2009 eine Recherchereise gemacht, die Ergebnisse sind auf ein A4 Dokumente zusammen gefasst (PDF).

Die Reportage befasst sich dann mit dem Recycling-Mythos; mit dem abgereicherte Uran aus der Wiederaufbereitungsanlage La Hague. Laut AREVA ist 96% der abgebrannten Brennelemente wiederverwertbar. Das Uran wird jedoch in Pierrelatte in großen Hallen unbefristet zwischengelagert (Bilder bei Timecode 40min)
Im Interview gibt ein Sprecher von AREVA ein „Atomsprachkurs“, wie der Journalist es nicht ohne Ironie nennt:

Timecode 42:50 min

Journalist: „ Was passiert mit dem Uran aus der Wiederaufbereitungsanlage, wenn es aus der WAA La Hague raus kommt? Es ist für die Endlagerung bestimmt?


AREVA: Nein überhaupt nicht, es wir heutzutage zwischengelagert, da heiß das wird abgestellt, in Sicherheit gebracht, es wartet auf eine neue Verwendung.


Journalist: In der Regel wird das Uran aus der Wiederaufbereitung nicht wieder verwendet.


AREVA: Heute ja, aber das sagt nichts über die Zukunft aus.


Journalist: Das ist eine seltsame Vorstellung von Recycling. Im Wörterbuch steht bei Recycling, wieder in Verkehr, in den Kreislauf bringen. Da wird nichts in den Kreislauf zurück gebracht.


AREVA: Ich denke nicht, dass ich die Tatsachen verdrehen, wenn ich von Recycling spreche, wir haben außerdem immer klar gesagt, wir reden von 96% wiederverwertbare Stoffen, wir haben nie „wiederverwertet“ gesagt. Das eine genaue Beschreibung, ich denke das weiß jeder.


Journalist: Das ist kleinlich.


AREVA: Nein, ich denke nicht, Wörter haben eine Bedeutung, zwischen wiederverwertbar und wiederverwertet, das ist klar, wir haben immer Transparenz gezeigt.“

Thematisiert wird auch das Uran, das für die Ewigkeit in "Bessines" zwischengelagert wird. Es ist Uranmüll (aber bitteschön wiederverwertbar), dass bei Urananreicherung entsteht und nie wiederverwertet wird...

Wir sind mit dem „wiederverwertbaren“ Uran nun bei insgesamt183 Schwimmbäder Atommüll! (Timecode 44:18)

Da kann man unschwer ein Parallel mit der UAA Gronau in NRW ziehen. Dort wird der Uranmüll, der bei der Anreicherung entsteht, offiziell nicht als Atommüll bezeichnet, weil der Stoff angeblich wiederverwertbar ist. Aus diesem Grund wurde es jahrelang nach Russland nach verschickt. Dort liegt es seitdem unter freiem Himmel herum, die UF6-Fässer drohen jeder Zeit undicht zu werden, die nächsten Katastrophen sind vorprogrammiert. Der Druck von AtomkraftgegnerInnen konnte den Transporten nach Russland ein Ende setzen. Jetzt soll das Uran unbefristet in Gronau auf dem Gelände der UAA in großen Hallen „zwischengelagert“ werden. Eine Verwendung gibt es für das Uran nicht. Aber das ist sicher kein Müll... ist offiziel ja wiederverwertbar.

Zum Schluss geht es um Kosten der Atomenergie. 55 Milliarden Euro, soll die „Modernisierung“ des aktuellen Reaktorparks. Das ist die Zahl die Abgeordneten in Fachausschusssitzungen zu hören bekommen. In Wirklichkeit sind es aber laut internen Dokumenten 130 Milliarden. Der Bundesrechnungshof selbst geht von 110 Milliarden Euro. Inbegriffen sind die Kosten für den gesamten Atommüll natürlich nicht.
 
Der Schlusssatz der Reportage ist sehr schön:
„Irgendwo, in der Nähe eines AKW haben wir unsere Illusionen einer sicheren, sauberen und billigen Atomenergie aufgegeben.“

Natürlich fehlen in der Reportage einige Aspekte, wie zum Beispiel die internationale Dimension des Ganzen: in La Hague liegt nicht nur „französischem“ Atommüll...
Die Reportage ist trotzdem wirklich zu empfehlen. Eine Deutsche Version gibt es leider nicht.

Nucléaire: La poltique du Mensonge (Atomkraft, die Politik der Lüge), Doku von Jean-Baptiste Renaud (Fr., 2015, 55 min), zum Video (ob das Video lange online bleibt, weiß ich nicht).


Es gibt eine weitere interessante Reportagereihe zum Thema Atomkraft. Arte setzt sich mit dem AREVA-Konzern und dem Skandal UraMin auseinander.  Die Berichte sind auf Französisch und Deutsch zu sehen:
http://www.arte.tv/sites/de/story/reportage/zeitbombe-der-franzoesischen-atomindustrie/?lang=de