DB wirft Rollstuhlfahrerin aus ICE – Streit um Barrierefreiheit

Der hier geschilderte Vorfall hat in sozialen Medien die Runde gemacht, dort habe ich die Hintergründe allerdings nur umgerissen, Twitter eignet sich nicht für längere Texte. Ich habe nun ein Video erstellt, wo die Räumung durch die Polizei zu sehen ist. Das Video enthält auch Infos zu Kontext, Hintergründen und Problemen rund um (Nicht)Barrierefreiheit bei der Bahn. Es muss sich was ändern, darum mache ich solche Erfahrungen öffentlich! Das ist kein einzelfall.

Ich dokumentiere weiter unten meine an die Deutsche Bahn gesendete Stellungnahme, da ich darum gebeten wurde, zur Aufklärung des Vorfalles beizutragen.

Der Text im Video ist auf dem Handy klein, also nicht einfach zu lesen, auf dem Computer direkt bei youtube geht es besser. Der gesprochene text ist der gleiche wie der schriftliche. Sorry dass ich es mit der technik nicht so gut im Griff habe.

Stellungnahme

« Guten Tag

zu Ihrer Nachfrage:
Die Reise war bei MSZ angemeldet. Hier muss ich sagen dass die ersten (üblichen) Probleme aufkamen: Mehrere Tage vergingen zwischen Anmeldung und Antwort des Mobilitätsservices (MSZ ist hoffnungslos überlastet, nicht genug Personal). Und Ablehnung der Einstiegshilfe in Darmstadt ,weil kein Personal frei war (Platzbuchung ging). Im Telefonat mit MSZ konnte keine für mich brauchbare alternative Verbindung gefunden werden, denn ich hatte bereits alles drum herum organisiert (Begleitung, Abholung) und konnte das nicht mehr ohne großem Aufwand ändern. Ich habe also den Einstieg privat organisieren müssen, was mir immerhin gelungen ist aber an sich schon Stress bedeutet und ja das Gegenteil von Barrierefrei ist, wenn ich nicht so lange Ein- und Ausstiegshilfe erhalten kann wie Züge fahren.
So lange die Bahn Züge mit Stufen einsetzt, bin ich auf diese Hilfe angewiesen. Ich Darmstadt war nix los als ich los fuhr, ich verstehe nach wie vor wieso es kein Personal für Hilfe gab.

Die Anmeldung bei msz lief unter Az V-01370788
Der Rausschmiss erfolgte vom ICE 1576

Ich bin mit privater Hilfe also in den Zug gestiegen. so weit so gut.
Zum Ablauf habe ich in meinem Thread schon ein paar Details gegeben.
was ich noch schreiben kann:

Bis Kassel war es auch entspannt – abgesehen davon das manch ein Fahrgast sich davon gestört fühlte, dass ich mich mit meiner Begleitung unterhielt, weil es Ruhewagen war, nur als Rollstuhlfahrerin habe ich leider hier keine Wahl, ich kann den Wagen nicht wechseln.
Meine Fahrkarte wurde kontrolliert. Der Abstellplatz meines Rollstuhls , Schaffnerinnen liefen immer wieder vorbei, wurde dabei nicht beanstandet. Der Rollstuhlplatz war für meinen Rollstuhl zu eng, im ICE T ist es leider kein Platz, der für Rollstühle geeignet ist, der dort als Rollstuhlplatz ausgewiesen ist. Das ist direkt vor der Schiebetür und es ist unmöglich so zu rangieren, dass man nicht halb im Gang steht und nicht angerempelt wird (Gegenstände die an meinem Rollstuhl befestigt sind, wurden in der Vergangenheit dadurch beschädigt, abgerissen), Menschen mit Koffer kommen kaum vorbei, es ist sehr stressig dort zu sitzen. Dies habe ich in der Vergangenheit bei MSZ mehrfach angemerkt, dass dies kein Zustand ist. Warum nicht zwei Sitze in der Reihe gegenüber abgebaut werden um einen ordentlichen Rollstuhlplatz zu schaffen, ist mir schleierhaft, dort wäre der Rollstuhl nicht halb im Gang und auch nicht direkt vor der Öffnung der Schiebetür. Manche andere ICE Modelle sind nämlich so und dort kann man den Rollstuhl korrekt einparken.
Mein Rollstuhl stand deshalb neben der WC, das tut ich immer mal wenn ich Begleitung habe, mein Begleitet kann den Rollstuhl bei Bedarf hin und her rücken (Vorliegend war es nicht erforderlich es war genug Platz). Dort können Menschen mit ihren Koffern problemlos vorbei. Und das wurde bis Kassel auch nicht beanstandet. Ich habe mich zwischendurch auf dem – zu schmalen – Rollstuhlplatz hingelegt, breite reicht dafür aus wenn man sich nicht breit macht. das war auch kein Problem. Schaffnerinnen liefen mehrfach vorbei. Und das tue ich oft auch in anderen Zügen und, bislang war es nie ein Problem. ich habe Schmerzen in der HWS und ein bisschen liegen hilft mir. Außerdem waren die sitze im besagte ICE kaum verstellbar im Winkel, der Winkel war für meine Beschwerden nicht geeignet, im Rollstuhl sitzen bleiben kam nicht in Frage, der ist nicht dafür geeignet (keine Kopfstütze) und das geht ja nicht wenn dieser halb im Weg oder zwischen zwei Wagen steht. Ich kenne andere Menschen mit Behinderung, die sich gelegentlich hinlegen müssen, weil sie so wie ich schmerzen haben, behinderungsbedingt.

Ich habe geschlafen, als eine Dame mit doppeltem Kinderwagen in Kassel einstieg.
Ihr war mitgeteilt worden, dass der Platz für ihr Kinderwagen der Rollstuhlplatz war. Das war eine falsche Information, die Dame am Bahnsteig erhalten hatte.
Zwischen uns, Fahrgäste gab es keinen Streit. Menschen mit Koffer konnten noch durch, eine Schaffnerin (blonde Haare) war der Auffassung dass es nicht gehe. Ich wurde – ohne zuvor gefragt worden zu sein warum ich liege, ob es mit gut geht usw – aufgefordert, aufzustehen und den Platz für den Kinderwagen frei zu machen.
Dies habe ich abgelehnt mit der Erklärung, dass nicht ich oder mein Rollstuhl im falschen Wagen eingestiegen sind, sondern die Dame mit Kinderwagen, die durch die DB falsch informiert wurde (es war also auch nicht ihre Schuld, die Situation). Ich äußerte schmerzen zu haben, mich für den Kinderwagen nicht verantwortlich zu fühlen. Der Kinderwagen sei zudem viel zu groß, würde nicht einmal durch die Schiebetür passen. Die solle dich dafür sorgen dass der Kinderwagen zum dafür vorgesehenen Platz kommt. Es wurde mit der Polizei gedroht, weil ich « unkooperativ » sei und meine recht mitzufahren deshalb verwirkt habe. Ich erwiderte lediglich, das sei eine Unverschämtheit mich so zu drohen, ich habe es satt die mangelnde Barrierefreiheit der Bahn auszubaden, das würde ich zu oft erleben und könne es nicht mehr einfach so hinnehmen. Ich war in der Situation gestresst und etwas aufgewühlt, denn ich hatte zum einen Schmerzen und zum anderen erlebe oft Diskriminierung bei Bahnreisen (am häufigsten: Kampf selbst entscheiden zu dürfen ob ich mitfahre, wenn die Behinderten WC außer Betrieb ist, kein MSZ Personal frei, Feierabend von MSZ bei Zugverspätung und riesiger Umweg zu einem Bhf mit Personal…)

Die Schaffnerin verschwand. In der Zeit bis Göttingen lösten die Fahrgäste das Kinderwagenproblem unter sich. Die Dame ging mit ihren zwei Kindern zum Fahrradwagen gucken ob Platz ist, das war der Fall – der Zug war nicht überfüllt. Meine Begleitung und ein weiterer Fahrgast erklärten sich bereit, den Kinderwagen beim nächsten Halt aus dem Zug zu tragen und zum Kinderwagen zu bringen. So geschah es auch, so dass ich der Auffassung war, das Problem sei nun gelöst und gut, Situation war ja wie die vor Einstieg der Dame mit Kinderwagen. die 2 Stunden lang niemanden beanstandete.
Mein Begleiter erzählte mir nachher, die eine Schaffnerin (blonde Haare) habe dann mit dem Kinderwagen auch geholfen (diese Schaffnerin war stets freundlich im Vergleich zur Kollegin). er dachte also wie ich die noch im Wagen mit Rollstuhl-nicht-Platz war, das Problem sei gelöst.

Aber nein… die eine Schaffnerin die die Polizei gerufen hatte… naja was soll ich sagen. Mit ihr war absolut nicht möglich zu reden, unfreundlicher geht kaum. Sie meinte nur sie habe das Hausrecht und beschlossen dass ich raus müsse – selbst wenn ich bereit wäre mich wieder hinzusetzen, ich habe nicht kooperiert und somit gegen die Beförderungsbedingungen verstoßen und außerdem dürfe man nicht liegen (kein einziges mal wurde ich gefragt warum ich mich hingelegt habe) und forderte mich erneut aufzustehen und den Zug zu verlassen.

Schlau einer Rollstuhlfahrerin die dazu rein körperlich ohne Hilfe nicht in der Lage ist, dazu aufzufordern.

Ich habe nur kommentiert dass ihr Verhalten nicht in Ordnung sei, dass sei ableistisch. Ich habe eine gültige Fahrkarte, die Reise hier angemeldet (ergo ich kann nicht spontan eine andere Verbindung wählen, wäre in Göttingen ohne Hilfe aufgeschmissen). Außerdem sei msz für Hannover die Station danach bestellt, nicht für Göttingen, behindertengerechter Ausstieg sei nicht möglich. ich habe Diskriminierung satt, äußerte ich noch.

Aber die Polizei war schon da und die Dame sagte nur: ich habe das Hausrecht. Mit der Polizei lies es sich auch nicht reden, die meinte nur « Wir führen us, warum sie hier raus müssen, interessiert nicht » Ich wurde aufgefordert aufzustehen (!!! hier auch wie kann man so auf die Idee kommen eine Behinderte Person die auf einen Rollstuhl angewiesen ist, « aufzustehen » ?????), meine Begleitung kam in dem Moment zurück und wunderte sich über die Eskalation, da sie wie ich zuvor davon ausging, es gebe kein Problem mehr mit Platz und so.
Zuvor hatten die Polizeibeamten meinen Rollstuhl gegen meinen Protest aus dem Zug befördert, ohne diesen sachgerecht anzufassen (ein Hilfsmittel kann dadurch kaputt gehen und dieses Hilfsmittel ist meine Beine!).
Als mein Begleiter zurück kam, waren die Polizeibeamten dabei mich anzufassen um mich gewaltsam gegen meinen Willen aus dem Zug zu befördern. Gewaltsam, weil ich nicht nach meinen Einschränkungen gefragt wurde und an meinen schon aufgrund meiner Grunderkrankung schmerzhaften Gelenken gefasst wurde. Ich habe mich dabei passiv verhalten und mündlich meine Empörung zum Ausdruck gebracht, etwas anderes blieb mir nicht übrig. ich wurde nicht getragen, ich wurde schleift / geschliffen (ich weiß nicht was der korrekter Ausdruck ist, ich bin keine Muttersprachlerin),an den Gliedern (Arme, Beine) gezogen, gezerrt, unsanft die Stufen unter gezogen. Das verursachte Schmerzen. Daher nenne ich dies Gewalt.
Ist das eine professionelle behindertengerechte Ausstiegshilfe???????

Ich wurde auf dem Bahnsteig auf dem Zug gesetzt, noch eine Weile festgehalten. Das eine Video ist in diesem Moment entstanden. Ich war unter Schock, es war laut um mich, aber ich wollte meine Empörung zum Ausdruck bringen, denn ich wusste nicht weiter. Ich hatte keine Mobilitätsservice für Göttingen, in dem Moment hatte ich keine Ahnung wie ich an dem Tag weiter kommen würde, sorge nicht mehr anzukommen und ich hatte keine Übernachtungssachen (Tabletten, Hilfsmittel) im Gepäck. ich fühle mich in meiner körperlicher Unversehrtheit sehr bedroht. nicht ohne Grund will die Planung einer Reise genau sein, wenn man eine Behinderung hat! Insbesondere wenn man es mit einer nicht barrierefreien Infrastruktur zu tun hat, die ein selbstständiges Fortbewegen ohne fremde Hilfe (das wäre die Definition von Barrierefreiheit) ermöglicht.

Die Polizei ist nachdem sie selbst feststellte, dass keine Straftat zu verfolgen ist und viele Reisende ihre Maßnahme kritisierten, abgezogen. Ich hatte Glück im Unglück. Der Zug, denn ich in Hannover hätte nehmen müssen, fuhr über Göttingen (ICE 786). Ich konnte mit Hilfe von Begleitung und Fahrgästen einsteigen.

Dort traf ich auf einen freundlichen verständnisvollen Schaffner, der nur sich wunderte mich jetzt schon in seinem Zug zu sehen. Als ich ihm den grund erzählte, noch sichtlich unter Schock und schmerzgeplagt, war er selbst fassungslos « der Kollegin fehlte die soziale Kompetenz, das geht gar nicht klar » sagte er.
Er rief msz an um zu informieren, dass ich in Hannover nicht umsteige, schon im ICE bin nachdem ich aus dem anderen Zug geworfen wurde (sinngemäß)
Und das hat ihn und mich fassungslos gemacht: Ich war schon bei MSZ abgmeldet, die waren schon informiert dass ich nicht mehr im ICE für Hannover war, die Besatzung des Zuges hatte angerufen. Aber MSZ hatte sich bei mir nicht gemeldet um zu wissen wo ich gestrandet bin und mir zu sagen wie ich mit Mobilitätshilfe weiter komme. Nichts. Und die Schaffnerin wusste wohl, dass sie eine Gehbehinderte Person die Aus- und Einstiegshilfe benötigt um aus dem Zug ohne Lösung für das weiter kommen aus einer fremden Statt weit weg von ihrem Ziel, aus ihrem zug verwiesen – ich sage geworfen – hatte.

Wie sie sehen gibt es mehrere Probleme hier

  • Rauswurf ohne triftigen Grund
  • Und selbst wenn es einen Grund für einen rauswurf gegeben hätte: das war kein behindertengerechter Ausstieg! Das geht gar nicht klar, mit Menschen mit Behinderung so umzugehen

Negativer Stress führt zu Verschlechterung der Beschwerden bei meiner Erkrankung. Die ableistische Handlung des Personals und der Polizei war gesundheitsgefährdend, die Folgen spüre ich in Form von zusätzlichen Schmerzen und psychischer Belastung 2 Tage danach immer noch.

Ich fahre oft Bahn. Das will ich auch, ich will kein Auto fahren, Das ist im Sinne einer ökologischen Mobilitätswende. Nur diese kann nur dann gelingen, wenn ALLE mitfahren können, wenn diese Inklusiv gestaltet wird, Menschen mit Behinderung teilhaben.

Ich bin daher sehr unzufrieden mit den ständigen Problemen mit der Nicht-Barrierefreiheit.
Eine schwierige stressige nicht barrierefreie Reise im Januar löste zuletzt einen heftigen Krankheitsschub aus.
Andere Betroffene können ebenfalls ein Leid von den ganzen Problemen singen. ich bin kein Einzelfall. Auch wenn mir kein Fall bekannt, wo die Betroffene Person derart unwürdig, Behindertenfeindlich unsachgerecht unprofessionel aus einem Zug geschleppt wurde.

es muss sich grundsätzlich was ändern! Barrierefreie Infrastruktur muss her (züge, Bahnhöfe), mehr Personal, Schulung des Personals zu Ableismus…nicht nur lippenbekennisse und selbstfeiern für kleine Dinge und dies als Marketing nutzen, obwohl die Realität anders ist.

Gruß
Cécile Lecomte »

Laisser un commentaire

Votre adresse e-mail ne sera pas publiée. Les champs obligatoires sont indiqués avec *