GWR: Lüni bleibt! Waldbesetzung gegen die A39

Das Waldstück „Lüner Holz“ soll zerstört werden, um die Bundesstraße B4 zum ersten Abschnitt der geplanten A39 auszubauen. Die Besetzung „Lüni bleibt“ richtete sich gegen diesen Autobahnneubau.

Waldbesetzung. 2 Baumhäuser, ein rotes Banner "Laut Überholt Nutzlos Invasiv A39 nicht mit uns Lüni Bleibt"

„Keine schöne Bescherung für die Autobahn GmbH: Das Lüner Holz ist besetzt!“, hieß es in einer Mitteilung am 13.12.2025. Einige Bäume wurden im Norden Lüneburgs besetzt, um deren Rodung zu verhindern.

Das Waldstück „Lüner Holz“ soll zerstört werden, um die Bundesstraße B4 zum ersten Abschnitt der geplanten A39 auszubauen. Die Besetzung „Lüni bleibt“ richtete sich gegen diesen Autobahnneubau. „Laut – Überholt – Nutzlos – Invasiv – A39 Nicht mit uns! Lüni bleibt”, stand dort auf einem großem rotem Banner. Die Polizei hat kurz vor Weihnachten einen zerstörerischen Einsatz durchgezogen. Die Besetzung hielt dem Stand, die Flederhörnchen blieben. Die Unterstützung aus der Bevölkerung gab ihnen Halt, auch über die frostigen schneereichen Tage. Die Polizei und die Autobahnlobby hatten offensichtlich Angst vor der Besetzung und der wachsenden Solidarität. Am 12. Januar 2026 räumte die Polizei diese mit schwerem Gerät. Doch die A39 ist längst nicht gebaut.

Hintergründe

Der Lüneburger Bauabschnitt ist Teil des geplanten Autobahnneubaus zwischen Lüneburg und Wolfsburg. Die 100 Kilometer Autobahnneubau bedeuten 100 Kilometer Zerstörung. Von Anfang an wurden die Planungen daher von bunten Protesten begleitet. Zurzeit wird vor dem Bundesverwaltungsgericht eine Klage des Umweltverbandes BUND Niedersachsen gegen den Bauabschnitt verhandelt. Die Klage entfaltet rechtlich keine aufschiebende Wirkung. Die Autobahn GmbH will Fakten schaffen und hat den Bau vorbereitende Maßnahmen angekündigt. Über die konkreten Maßnahmen hält sie sich bedeckt. Einige Rodungsarbeiten wurden bereits ausgeschrieben. Die Umsetzung des im Zusammenhang mit der A39 planfestgestellten Industriegebiets Bilmerberg II schreitet voran. Der Abschnitt der B4, der in Lüneburg im Zuge der Autobahnbaus um die Hälfte verbreitert werden soll, wurde Anfang Dezember bereits in A39 umbenannt. Die weitere Strecke nach Wolfsburg ist als kompletter Neubau geplant.

„Ein Autobahnneubau zwischen Lüneburg und Wolfsburg ist auf allen Ebenen eine Katastrophe. Neue Autobahnen führen immer zu mehr Verkehr und dadurch zu mehr klimaschädlichen Emissionen. Schon heute sind die Auswirkungen des Klimawandels weltweit verheerend. Durch den Bau neuer Autobahnen wird die Klimakrise weiter befeuert“, heißt es in einer Mitteilung der Aktionsgruppe Flederhörnchen vom 15. Dezember 2025. (1)

Der Name ist abgeleitet von „Fledermaus“ und „Eichhörnchen“, zwei von zahlreichen im Lüner Holz beheimatete Tierarten. Die Besetzung „Lüni bleibt!“ versteht sich als autonome Klimagruppe und bezeichnet sich als antifaschistisch, antiableistisch, queerfeministisch, anarchistisch und solidarisch.

Auch lokal bedeutet der Bau der A39 Zerstörung von Natur und Umwelt. Die A39 soll wertvolle Schutzgebiete zerschneiden. Durch die Versiegelung von Naturflächen werden Lebensräume vernichtet und es kommt zu einem Biodiversitätsverlust. Hinzu kommt: In Niedersachsen liegt Lüneburg bereits ganz vorn, was die Stickoxid-Belastung durch den Verkehr betrifft, wie Messungen der DUH an 400 Standorten jüngst ergeben haben (2). Anders als häufig behauptet, bringt die A39 zudem für den Großteil der Bevölkerung keinen nennenswerten Mehrwert. Die immensen Kosten, die in den Neubau gesteckt werden, werden stattdessen an anderen Stellen dringend gebraucht, wie zum Beispiel für die Reaktivierung von Bahnstrecken und den Ausbau des ÖPNVs.

Nutznießer, Lobbyismus und Widerstand

Nutznießer der Autobahn ist nicht die Allgemeinheit, sondern Unternehmen wie Rheinmetall und VW. Denn ihre Werke liegen in Wolfsburg (VW) und Unterlüß (Rheinmetall), eine Autobahn bis vor ihre Haustür würde ihnen sicher schmecken. Beide Unternehmen betreiben zusammen mit der IHK und der Autobahn GmbH Lobbypolitik für die A39.

Gegen die Autobahn gibt es seit vielen Jahren Widerstand. Ein breites Bündnis besteht seit ca. einem Jahr und organisiert u.a. offene Treffen, Vollversammlungen, Mahnwachen, Kundgebungen, Fahrraddemonstrationen, Vorträge, eine Ausstellung und Waldspaziergänge. Aktuell läuft eine Petition. (3) ROBIN WOOD und das Klimakollektiv haben sich mit der Waldbesetzung solidarisiert. (4 und 5)

Martialischer Polizeieinsatz

„Der Neubau der A39 und die Rodung des Lüner Holzes ist umwelt- und klimapolitisch nicht vertretbar. Nachdem alle anderen Formen des Protestes nicht zu dem notwendigen Umdenken geführt haben, wollen wir nun die bedrohten Bäume aktiv beschützen. Statt einer Autobahn für Wenige wollen wir Mobilität für alle!“, begründen die Besetzer*innen ihren Schritt. 

Die Antwort der Polizei ließ nicht lange auf sich warten. Die „Verfügungseinheit“ der Polizei Lüneburg rückte am 4. Advent gegen Mittag mit etwa 20 Kräften an.

Die Polizei zerstörte alles, was sich am Boden befand, schnitt eine kletternde Person, die in Reichweite hing, ab und nahm private Rucksäcke und Klettermaterial mit. Die Polizei handelte ohne Vorwarnung. Eine Rechtsgrundlage nannte sie vor Ort nicht. Gegenstände wurden ohne Beschlagnahmeprotokolle entwendet. Die Polizei bat die kommunale Dienstleister AGL (Abwasser, Grün & Lüneburger Service GmbH) darum, die Gegenstände abzutransportieren. Die Amtshilfe soll angeblich zur Abwehr eines Umweltschadens geleistet worden sein. Die freiwillige Feuerwehr leistete ebenfalls Amtshilfe. Sie zersägte mit der Kettensäge Plattformen und verteile die Dämmung auf den Waldboden. Durch die Zerstörung von Infrastruktur und Kälteschutz wollte sie die Menschen zum Aufgeben nötigen.

Der Einsatz zielte offensichtlich darauf, Solidarität zu verhindern und das Protestcamp in eine kriminelle Ecke zu rücken. Die Polizei sprach nämlich öffentlich von „Landfriedensbruch“. Der Polizeisprecher Kai Richter verbreitete unrichtige Tatsachen über den Einsatz in einer öffentlichen Mitteilung. Eine Richtigstellung blieb trotz Aufforderung durch das Klimakollektiv aus.

Der Einsatz hat ein Nachspiel auf kommunaler Ebene. In einer Anfrage kritisiert die Fraktion DIE LINKE den Einsatz und stellt Fragen zur Rolle der Stadt Lüneburg sowie zur Rechtmäßigkeit und Notwendigkeit der Amtshilfe durch städtische Organisationen (AGL und freiwillige Feuerwehr). Die Antwort der Verwaltung steht aus. (6)

Die Flederhörnchen sind geblieben. Trotz der weiterhin täglichen Besuche der Polizei und ihrer Schikanen. Und Dank der großen Unterstützung aus der Bevölkerung. Der Winter hat den Wald in eine bezaubernde Landschaft verwandelt.

Räumung am 12. Januar

Der wachsende Widerstand vor Ort war der Polizei ein Dorn im Auge. Sie rückte am frühen Morgen des 12. Januar 2026 mit ca. 40 Beamt*innen und schwerem gerät an und begann unmittelbar zu räumen. Die Polizei riegelte einen großen Teil des Waldes ab. Die Soli-Mahnwache von ROBIN WOOD und dem Klimakollektiv Lüneburg durfte nicht in Sichtweite stattfinden. Die Bäumhäuser wurden Stück für Stück zerstört und viel Kletterausrüstung beschlagnahmt. Vier Stunden benötigte die Polizei allein für das erste Baumhaus. Die Räumung war kurz vor Einbruch der Dunkelheit zu Ende.

Ihren Einsatz begründete die Polizei mit Gefahren für die Allgemeinheit und für die Besetzer*innen selbst, wegen der Witterung. Gefährlich sei der Polizeieinsatz bei Glättewarnung, nicht das Protestieren in Baumhäusern, entgegneten die Aktivist*innen. Am Tag der Räumung herrschte Glatteis im Landkreis Lüneburg, die Schulen blieben geschlossen. Dass die Baumhäuser stabil gebaut wurden, habe zudem der jüngste ohne Schäden überstandener Schneesturm bewiesen.

Ein Urteil des Oberverwaltungsgerichts Sachsen-Anhalt vom September 2025 (7) zu einer vergleichbaren Waldbesetzung stellt klar, dass ein polizeiliches Einschreiten nur dann zulässig ist, wenn mit hoher Wahrscheinlichkeit eine konkrete Gefahr für Leben oder Gesundheit besteht. Allein der Umstand, dass Menschen sich in Bäumen aufhalten, reicht ausdrücklich nicht aus.

Die Lüneburger Polizei ignorierte diese Rechtsprechung. Keine Abwägung. Sie legte weder konkret noch nachvollziehbar dar, worin die Gefahr bestehen soll. Stattdessen schaffte sie Fakten durch Zerstörungen, die eine spätere Klage nicht rückgängig machen können.

„Eine Räumung kann Protest nicht aufhalten. Wir machen weiter!“, so das Fazit der Flederhörnchen, die zahlreiche Solidaritätsbotschaften erhalten und sich darüber freuen.

Statt noch mehr Zerstörung durch neue Autobahnen braucht es endlich eine Mobilitätswende für alle – ökologisch, sozial gerecht und barrierefrei!
 

Text und Bild: Eichhörnchen

Infoticker der Flederhörnchen:  https://t.me/waldbesetzunglueni

Allgemeine Infos zum Widerstand mit Hintergründen zur A39: https://a39-stoppen.de/

Fußnoten:

(1) https://climatejustice.global/@lueni_bleibt/115725488340305896

(2) https://luene-blog.de/lueneburg-platz-1-no2-belastung-niedersachsen-und-bremen/

(3) https://www.openpetition.de/petition/online/keine-stadtautobahn-durch-lueneburg-a39-stoppen

(4) https://www.robinwood.de/pressemitteilungen/a39-robin-wood-aktive-unterstuetzen-waldbesetzung-gegen-den-autobahnbau-mit

(5) https://luene-blog.de/klimakollektiv-lueneburg-besetzung-gegen-a39-fortgefuehrt/

(6) https://www.dielinke-lueneburg.de/presse/detail/news/polizeieinsatz-im-luener-holz-stadt-muss-rolle-und-amtshilfe-erklaeren-1/

(7) Aktenzeichen 3 M 103/25 OVG Sachsen-Anhalt

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