Redebeitrag Wohnprojekt Unfug

Uns gibt es jetzt seit gut drei Jahren und unser Ziel war und ist es günstigen Wohnraum abseits der kapitalistischen Logik zu schaffen, welcher kollektiv genutzt wird. In Lüneburg – wie in eigentlich in fast allen größeren Städten – herrscht Wohnraumknappheit und in den zentralen Lagen ist günstiger Wohnraum kaum noch zu bekommen.

Wand mit der Aufschrift Vonovia enteigenen - Unfug

Redebeitrag vom Wohnprojekt Unfung auf den Versammlungen vom Bündnis recht auf Stadt zu 150 Jahre Pariser Kommune am 22.5. und 28.5.2021

Schön, dass ihr alle heute hier seid, trotz des etwas bescheidenden Wetters und danke für eure Power und diese kraftvolle Demo!
Wir sind heute hier um zu zeigen, dass das Recht auf Stadt für alle gilt – für jede Bewohnerin und jeden Bewohner einer Stadt, unabhängig von Geschlecht, Einkommen oder Herkunft.

Der öffentliche Raum darf nicht nur für irgendwelche Konsum-Interessen herhalten, sondern es gilt ihn auch und erst Recht abseits der kapitalistischen Logik nutzen zu dürfen und vor allem nutzen zu können.

Einen kleinen Erfolg in diese Richtung konnten wir heute schon verbuchen. Wir sind mit unser Demo durch die Bäckerstraße – die Konsum-Straße Lüneburgs gezogen!

Ich spreche heute hier für das Wohnprojekt Unfug!

Uns gibt es jetzt seit gut drei Jahren und unser Ziel war und ist es günstigen Wohnraum abseits der kapitalistischen Logik zu schaffen, welcher kollektiv genutzt wird. In Lüneburg – wie in eigentlich in fast allen größeren Städten – herrscht Wohnraumknappheit und in den zentralen Lagen ist günstiger Wohnraum kaum noch zu bekommen.

Also könnte man ja eigentlich annehmen, dass wir eine mögliche Lösung für ein omnipräsentes Problem aufgezeigt haben. Die Frage die sich dann stellt, ist jedoch warum werden wir mit Repressionen überzogen?

Wir haben zwar Wohnraum geschaffen, dieser entspricht aber nicht der „Schöner Wohnen“ – Kategorie, die sich nur einige wenige leisten können, sondern es ist ein Freiraum, von dem aus die Kämpfe für eine herrschaftsfreie Welt geführt werden können.

Und genau das ist den offiziellen Stellen ein Dorn im Auge.

Ungefähr 1 Jahr nach unserer Gründung fingen die Repressionen seitens der Stadt Lüneburg an und schließlich wurde uns das Wohnen in Bauwagen verboten.

Wir alle brauchen aber genau solche Freiräume, nicht nur in Lüneburg sondern überall, um Orte zu haben, an denen es überhaupt erst möglich ist eine praktische Kritik am gegenwärtigen System entwickeln zu können.

Das Recht auf Stadt beinhaltet – neben vielen anderen Dingen – genau diese Freiräume! Orte, die sich der Verwertungslogik entziehen, die ein Gegenpol gegen die Privatisierung und Kommerzialisierung städtischer Räume bilden.

Doch genau deswegen werden diese Orte bekämpft und müssen immer wieder neu erkämpft werden!

Es braucht die physischen Orte und Plätze, an denen wir selbstbestimmt alternative Ideen entwickeln können, wie das gute Leben für Alle möglich ist und nicht nur für eine kleine privilegierte Elite.

Die Frage ist doch: Wem gehört die Stadt?

Nur den Reichen ? Nur denen die aufgrund ihrer finanziellen Mittel sich ihre Teilhabe erkaufen können und der Rest bleibt auf der Strecke?

Nein, die Stadt ist für alle da und Freiräume als Orte, die sich nicht dem kapitalistischen Verwertungszwang unterwerfen, sind unverzichtbar damit alle Zugang haben können zu den städtischen Ressourcen.

Das Konzept der Freiräume ist nicht neu und wird immer wieder erneuert, verändert und erkämpft. Wir finden Freiräume nicht nur in Wohnprojekten, sondern auf Wagenplätzen, in autonomen Zentren und Jugendzentren. Doch werden sie fast alle bekämpft, wenn sie sich öffentlich gegen die Traurigkeit und Brutalität des Kapitalismus zur Wehr setzen. Denn der Kapitalismus duldet es nicht, wenn sich Menschen aus der Verwertung entziehen und neue selbstbestimmte Formen des Lebens ausprobieren. So viele Projekte werden aktuell bekämpft und dabei wird versucht uns als Bewegung die Luft zum Atmen zu nehmen und uns zu vereinzeln.

Ohne Freiräume und unkommerzielle Orte, an denen wir uns vernetzen können, soll es für uns nicht mehr möglich sein, aufzubegehren gegen die Scheiße, die wir alle täglich sehen.

Seien es tausende Tote im Mittelmeer, die ständige Polizeigewalt oder der faschistische Siegeszug durch Nazis im Gewand der Leugner*innen der Pandemie oder auch die sogenannte Alternative im Bundestag. Nein, wir müssen aufbegehren und uns wehren. Doch genau dafür brauchen wir eben jene Orte und dies bedeutet auch, dass wir diese Orte verteidigen müssen. Mit allen Mitteln. Egal ob in Berlin die Liebig, die Rigaer oder Potse, in Hamburg die Fährstraße 115 und Zomia oder in Lüneburg Unfug. Unser Kampf ist derselbe. Es geht darum unsere Orte zu erhalten, damit wir aus diesen heraus wirken können. Denn wir wissen jeder dieser Orte ist ein Zauberspruch für mehr davon.

Doch wir dürfen uns auch nichts vormachen. Repression wirkt und Repression ist mächtig. Sie kann uns vertreiben, sie kann uns die Kraft rauben oder uns unsere Freiheit nehmen. Wir mussten letztes Jahr schmerzlich erleben, wie stark Repression wirkt. Wir haben einen Teil unseres Wohnraums verloren und sind dadurch nur noch die Hälfte der Menschen bei Unfug.

Andere hat es noch viel schlimmer getroffen: Die Liebig, die Meuterei und das Syndikat wurden komplett geräumt und wurden somit als Orte des Widerstandes zerstört. Wir standen zusammen im Kampf gegen die Räumungen und haben doch vorerst verloren, aber aufgeben ist nicht drin!

Wir kämpfen weiter und stehen weiterhin zusammen in Solidarität miteinander. Letztes Jahr kam uns sehr viel Solidarität zu Teil und nur durch diese konnten wir überhaupt den Kampf um unser Wohnprojekt führen. Es ist ein unglaubliches Gefühl mitzubekommen, dass viele Menschen, die wir nicht persönlich kennen auf die Straße gegangen sind und Aktionen für und mit uns gemacht haben. Es hat sich extra eine Solidaritätsgruppe gegründet, die mit uns aktiv den Kampf geführt hat. Dies alles hat uns unglaublich viel Kraft gegeben und dafür möchten wir uns an dieser Stelle nochmal bedanken.

Und es zeigt wie wichtig es ist, dass auch wir alle uns solidarisch zeigen, wenn Freiräume bekämpft werden. Wir müssen selber Aktionen planen, auf Demonstrationen gehen oder ein Soli-Bild machen. Fast alles, was wir in Solidarität zu anderen machen, gibt den von Repressionen betroffenen Menschen Kraft und ermöglicht es weiter zu kämpfen. Es strahlt aber auch darüber hinaus.

Es zeigt: wir sind viele und das wir es nicht hin nehmen, dass unsere Räume zerstört werden und die Städte durch kapitalisiert werden, bis sich nur noch Yuppis die Wohnungen dort leisten können.

RechtAufStadt bedeutet nicht nur, dass die Stadt allen gehört, die dort Wohnen und zwar unabhängig von Status, Herkunft oder Geschlecht. Sondern auch, dass wir das Recht haben aufzubegehren und zu kämpfen wenn unsere Räume zerstört werden.

Der Kapitalismus will die Stadt zu einem Ort machen, der nur noch Menschen mit viel Geld ein gutes Leben ermöglicht. Alle anderen sollen mindestens die Hälfte ihres Lohns für die Miete abdrücken und haben dann noch nicht mal die Möglichkeit irgendwo einen Kaffee zu kaufen, weil der mittlerweile 5 Euro und mehr kostet.

Dadurch entsteht ein Prozess der Verdrängung, welcher nur noch die Gewinner des Systems übriglässt.

Jene jedoch, die durch ihre bezahlte und vor allem unbezahlte Arbeit, aber dieses System am Laufen halten, sollen zwar täglich zur Arbeit erscheinen, aber bitte keine Ansprüche stellen, am öffentlichen Leben teilzuhaben.

Dieses Problem hat sich durch die Corona-Pandemie nur weiter verschlimmert! Alleine in Lüneburg sind im Zuge der Pandemie 100 Menschen Wohnungslos geworden, in einer Stadt die keine 100.000 Einwohner*innen hat.

Die Corona-Pandemie ist ein Brennglas für die soziale Ungerechtigkeit, nicht nur im Bezug auf das Thema RechtAufStadt, sondern in allen Bereichen des Lebens. Reformen werden diese Probleme nicht lösen. Der Kapitalismus kann nicht reformiert werden. Ihm kann kein soziales Gesicht aufgemalt werden und er kann auch nicht nachhaltig werden. Der Kapitalismus verschlingt alles und wird früher oder später unser aller Ende bedeuten, wenn wir ihm nicht das Ende bereiten. Der Kampf gegen den Kapitalismus muss von vielen Seiten geführt werden und das wird er auch schon. Das ist gut. Wir müssen unsere Orte nicht nur verteidigen, sondern wir müssen anfangen Netzwerke zu spannen und undurchsichtige Zonen zu erschaffen, welche sich dem Kapitalismus entziehen. Wir alle brauchen diese Freiräume!

Deshalb freuen wir uns über jedes Wohnprojekt das gegründet wird, jeder Bauwagenplatz und jedes autonome Zentrum das erfolgreich verteidigt wird und sowieso über jedes Haus das neu besetzt wird.
Auch weiterhin gilt: jede Räumung hat ihren Preis!!
Also lasst uns weiter kämpfen und unsere Räume verteidigen und erhalten, denn das Recht auf Stadt gilt für alle!!
Danke.

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