Kletterprotest vorm AKW Grohnde
Par eichhörnchen le mercredi 12 octobre 2011, 00:42 - Aktionen - actions - Lien permanent
Anfang Oktober wurde in Grohnde in
vielfältiger Art und Weise demonstriert: Demos, Kletterkunst, Sitzblockade,
etc. Das mit rißanfälligem Stahl verbaute Atomkraftwerk Grohnde ist ein Beweis
dafür, dass von Atomausstieg nicht die Rede sein kann.Zutreffender ist viel mehr der Begriff "Weiterlaufgarantie" für sämtliche Atomkraftwerke, wie Franziska, eine Aktivistin die am kommenden Freitag für 2,5 Monaten wegen Castorblockade ins Gefängnis geht, es zutreffend formuliert.
Täglich grüßt der Super-GAU. Täglich wird Atommüll produziert. Täglich werden Millionen Menschen unerträglichen gefahren ausgesetzt - gegen ihren Willen.
Aus diesem Grund ist es wichtig, mit fantasievollen Protestaktionen am Ball zu bleiben und den Menschen in Erinnerung zu rufen, dass das Thema "Atomkraft" an Bedeutung nichts verloren hat. Die gesellschaftliche Auseinandersetzung um die Atomkraft wird noch lange dauern. Ein Indiz dafür ist auch die Reaktion der Staatsmacht auf Protest... Zum Schutz der Interessen der Atomblobby ist sie zu haben. Zum Schutz von Grundrechten aber nicht. Sie glänzte am Wochenende mit Versammlungssprengung und weiteren z.t. gewaltsamen Eingriffe in die Versammlungsfreiheit.
Das Protestwochenende begann am 2. Oktober mit einer bunten Demonstration und zahlreiche Redebeiträge. Es folgte auf der Hauptzufahrt in ca- 200 Meter Entfernung zum Atomkraftwerk eine angemeldete Dauermahnwache mit Polit- und Kulturprogramm.
Zeitgleich zur Mahnwache trafen AktivistInnen auf eine andere Zufahrtstraße für eine eigenständige "Hängepartie" und Sitzblockade ein.
Vier KletterInnen seilten sich von einer Brücke in der Nähe des zweiten Tores zum AKW ab und hängten Transparente auf. Beteiligt waren AktivistInnen aus dem Münsterland, die mit ihrem Protest beim Anfang der Atomspirale in Deutschland ansetzen: Sie kämpfen gegen die Gronauer Urananreicherungsanlage und die Brennelementefabrik in Lingen. "Atomkraft den Boden entziehen, Urananreicherung stoppen " stand entsprechend auf einem Transparent. Ein zweites Transparent mit klarer Forderung hatten Robin Wood AktivistInnen mitgebracht : "Fukushima mahnt - Atomausstieg sofort". Die vier Kletteraktivistinnen und ihre "Seilwache" (Personen die oben auf die Seile und Ankerpunkte achten) wurden recht schnell durch ca. 60 spontane "SitzblockiererInnen" auf der Zufahrtsstraße unten unterstützt.
Die kreative "happeningartige" künstlerische Aktion sorgte für Aufmerksamkeit und verstärkte die Resonanz des Protestewochendes in der Öffentlichkeit. Zahlreiche Zeitungen berichteten beispielsweise über die Aktion. Als Happening wird eine künstlerische Performance, die überraschend an unerwarteter Stelle und zeitlich begrenzt statt findet, definiert. Mehr dazu im Zusammenhang mit politischen Kletteraktionen im Text "politisches Klettern, eine Kunst?"
Die Aktion sollte außerdem die Entschlossenheit der Beteiligten, gegen die Atomindustrie anzukämpfen, wieder geben. Die Sitz- und Hängeblockade stellten eine effektive Blockade der Zufahrtstrasse zum AKW dar. Natürlich blieb die Blockade symbolischer Art. Zum einem war sie temporär und auf ein Wochenende mit Feiertag gelegt - viel Betrieb war im Atomkraftwerk ja nicht. Zum anderen wurde der Zugang zum Atomkraftwerk dadurch nicht komplett gesperrt: Fußgänger und Radfahrer konnten problemlos durch kommen, über Wirtschaftswege konnten auch Fahrzeuge zum Gelände gelangen.
Die Polizei war allerdings nicht in der Lage, den eigenständigen Versammlungscharakter der Protestaktion zu erkennen. Sie meinte viel mehr die Versammlung sprengen und den Beschäftigten des Atomkraftwerks gewaltsam einen Weg bahnen zu müssen. Die "Polizeifestigkeit" von Versammlungen ist ihr scheinbar überhaupt kein Begriff - sich braucht dringend Jura-nachhilfe...
Es lief in der Tat nach dem Motto "zunächst prügeln und erst dann nachdenken". Gleich zu Beginn der Abseilaktion griffen die Beamten einer Beweis- und Festnahmeeinheit aus Braunschweig VersammlungsteilnehmerInnen an. Sie versuchten ohne Vorankündigung die Versammlung zu sprengen und Beteiligten fest zu setzen. Die Beamten wurden darauf hingewiesen, dass es sich um eine gewaltfreie Aktion handelt. Es half aber nicht. Eine Meinungsäußerung mittels Transparente an der Brücke wollten die Beamten erst gar nicht dulden. Die anwesende Presse musste einige Schritte zurück gehen, andere Pressevertreter wurden partout erst gar nicht auf die Brücke gelassen. Bedenklich was die Inkaufnahme von Gefahren durch die Beamten, indem sie - gegen den Willen der KletterInnen - Klettermaterial anfassten.
In der Vergangenheit hat es einige durch die Polizei verursachte Unfälle gegeben. Insbesondere an Brücken, wo die Polizei sich Zugang zu den Ankerpunkten der KletterInnen verschaffen kann, kann es gefährlich werden. 2003, anlässlich von Protesten gegen den G8-Gipfel, stürzte ein Aktivist in 25 Meter Tiefe, nachdem ein Polizist ein Seil durchtrennte. Es ist aus diesem Grund verständlich, wenn KletterInnen darauf bestehen, dass fremde nicht-kletterkundige Personen ihre Finger von Klettermaterial fern halten!
Schwieriger Start... hier hilft die "Seilwache" der Aktivistin,; in der Aufregung um die PolizistInnen die nach Seile und Karabiner griffen, hat sich einiges verhackt - Foto Konrad Lippert
Die Situation beruhigte sind irgendwann, als der Einsatzleiter dazu kam und einsah, dass er das Aufhängen von Transparenten wohl dulden musste. Gereizt blieb aber die Stimmung ein wenig, weil der Einsatzleiter für seine Geste Anerkennung seitens der Demonstranten haben wollte - diese kam aber verständlicherweise nicht. Über eine Stunde galt das Recht auf freie Meinungsäußerung und Versammlung überhaupt nicht und dann doch ein bisschen... wie großzügig...
Der Tag ging dann jedenfalls ruhig zu Ende. Team Blau-Grün hatte sich etwas zurückgezogen. Die KletterInnen nisteten sich in ihre Hängematte und Schlafsäcke ein.
Pause - Foto K. lippert
Die Situation spitze sich jedoch gegen 22 Uhr wieder extrem zu, als die Polizei die sitzenden DemonstrantInnen ohne Vorwarnung mit Tritten angriff, um sie von der Straße weg zu schaffen und somit einigen KrafwerksarbeiterInnen den Weg frei zu machen. Eine Demonstrantin wurde äußerst gewaltsam festgenommen und ihre Brille dabei zertrümmert.
Und weil eine Kletterin - in Person des Eichhörnchens - gegen diese erneute Versammlungssprengung vehement protestierte und sich ein Stück tiefer abseilte, wurden die Polizisten noch aggressiver. Ein Fahrzeug stoß leicht gegen sie. Ein Beamter griff weiter nach ihrer durchhängenden Kurzsicherung und zog wild daran. Menschen am Boden - darunter einige kletterkundige - erkannten sekundenschnell die Gefahr der Situation. Wenn eine Person länger hängt und ihre Position nicht ändern kann, kann es zu einem orthostatischen Schock führen (Hängetrauma). Die Gefahr besteht insbesondere wenn das Opfer bewegungslos bleibt. Es war in der aufgeregten Situation aber nicht möglich, mit dem Beamten zu reden und ihn über sein gefährliches Verhalten aufzuklären. Der Beamte schien spass daran zu haben, Muskeln zu zeigen. Seine Kollegen unterstützten ihm, es fielen dabei gegen die Kletterin gerichtete ausländerfeindliche Sprüche.
Auch der Hinweis darauf, dass die Kletterin wegen dem Druck durch das Ziehen am Seil ihr linkes Bein kaum noch spüre, interessierte die Polizei nicht. "Komm runter" brüllte der am Seil ziehende Beamte lediglich. Allein dieser Spruch zeigt sein Unkenntnis über das Klettern. Die Aktivistin war an einem Klemmknoten gesichert und dieser kann unter Last erst gar nicht gelöst werden! Das sind einfache Regeln der Physik ; der Schwerkraft! Um dies einzusehen müsste aber der Polizist in der Lage sein, sein Handel zu reflektieren...
Irgendwann - für die Betroffene kam es einer Ewigkeit gleich - ließ der Täter das Seil los. Die Aktivistin setzte sich gleich in Bewegung - dadurch dass sie bei Bewusstsein geblieben war, war es nicht zu einem schweren Hängetrauma gekommen. Das Gesamtgeschehen führte aber trotzdem zu einer Kreislaufstörung: Schwindelgefühl, Erbrechen, Erschöpfung, Zuckermangel, etc. es dauerte eine lange Weile bis die Aktivistin sich wieder in Bewegung setzte und den Rest der Nacht in ihrer Hängematte verbrach.
Die Gefahr des Hängetraumas kennt jeder ausgebildete Kletterer. Unter Normalbedingungen stüzt er sich in einer Fußschlinge im Seil, wodurch sich die schwerkraftbedingten Veränderungen kurzfristig deutlich vermindert und ein Hängetrauma verhindert wird. In Lebensgefahr gerät er aber schnell wenn er sich auf Grund von Fremdeinwirkung mit dem Fuß im Seil nicht stützen kann...
Dass die Handlung der Polizei um 22 Uhr irgendwie völlig überflüssig und kopflos war, zeigte sich beim Schichtwechsel dann am frühen morgen. Die Polizei leitete die ArbeiterInnen über Wirtschaftswege aus dem Kraftwerk raus, statt Gewalt gegen die BlockiererInnen über und auf der Strasse auszuüben. Tja... es geht doch anders... Ob die Anwesenheit eines Rechtsanwalts der DemonstrantInnen die Polizei plötzlich zu Besonnenheit rief?

Diese "Besonnenheit" hielt aber nicht lange an... Drei KletterInnen durften sich morgens gegen halb neun in Ruhe abseilen und wurden blitzschnell von UnterstützerInnen weg gebracht. Die dritte Kletterin, die auf Grund der Ereignisse der Nacht noch etwas unter Schock stand, seilte sich etwas später ab. Die anderen DemonstrantInnen wollten sie empfangen, aber die Polizei hatte Verstärkung gerufen und bestand darauf die Kletterin in Gewahrsam zu nehmen. Die absurde Begründung? "Durchführung einer erkennungsdienstlichen Behandlung". Absurd weil die Polizei die Kletterin bereits am Tag davor zu Beginn der Aktion mit Nachname ansprach und sie so gut kennt, dass sie eben keine "erkennungsdienstliche Behandlung" für braucht! Wieder mal eine unsinnige Schikane. Es wurde umgehend Einspruch eingelegt, es half aber nicht. Der Einsatzleiter wollte ja unbedingt seine Macht demonstrieren.
Zwei Stunden durfte also die Kletterin auch der Wache verbringen.Vor der Polizeiwache wurde lautstark protestiert...und die Aktivistin frei gelassen - ohne Durchführung von irgendwelchen erkennungsdienstlichen Maßnahmen. Willkür und Schikane, eben - Freiheitsberaubung, meint der Anwalt.Inzwischen hat die Betroffene eine Klage gegen ihre Ingewahrsamnahme bei Gericht eingereicht.
"Nötigung, gefährlicher Eingriff im Straßenverkehr, Beleidigung" behauptete die Polizei in der Zeitung. Naja... die vielleicht bald Angeklagte - AtomkraftgegnerInnen stellt die Staatsmacht ja gerne vor Gericht - freut sich darüber, die Polizisten als Zeugen vernehmen zu können. Ist versuchte schwere Körperverletzung und Versammlungssprengung wie oben beschrieben nicht eine Straftat???
Komme was komme. Es war auf jeden Fall ein erfolgreiches Protestwochenende.
EichhörnchenIch bin lieber des Protestierens schuldig, als des Zusehens wie unsere Umwelt zerstört wird! So das Eichhörnchen
Presseschau (nicht ausführlich)
http://www.weserbergland-nachrichten.de/index.php?option=com_content&view=article&id=2098:2-oktober-2011-weserbergland-nachrichten-mit-kletteraktion-atomkraftwerk-in-grohnde-blockiert&catid=4:emmerthaler-nachrichten&Itemid=5
http://www.taz.de/Niedersaechsisches-Atomkraftwerk/!79271/
http://www.dewezet.de/portal/lokales/aktuell-vor-ort/weserbergland_Demonstranten-seilen-sich-von-Bruecke-ab-_arid,369111.html
http://www.weserbergland-nachrichten.de/index.php?option=com_content&view=article&id=2099:2-oktober-2011-weserbergland-nachrichten-polizei-bilanz-zum-heutigen-demo-tag-vor-dem-akw-grohnde&catid=4:emmerthaler-nachrichten&Itemid=5
http://www.weserbergland-nachrichten.de/index.php?option=com_content&view=article&id=2107:5-oktober-2011-weserbergland-nachrichten-akw-demoorganisatoren-in-grohnde-kontern-die-kritik-der-polizei&catid=4:emmerthaler-nachrichten&Itemid=5





