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Der Hambacher Wald ist derzeit in aller Munde. Mutige, vor allem junge Menschen, die seit einigen Jahren in luftiger Höhe, in Baumhäusern in diesem rund 12.000 Jahre alten Rest eines einmaligen Biotops in Europa leben, stellen sich einer schier unbezwingbaren Macht aus Stromkonzern, Politik und Polizei entgegen.

Die Solidarität wächst, tausende Menschen kommen Woche für Woche in den Wald, schließen sich dem empathischen Waldpädagogen Michael Zobel an, der eigentlich davon träumt, wieder in Frieden mit Kindergruppen Tierspuren, Blätter und Baumrinden zu betrachten.

In der sich immer höher aufschaukelnden Woge der Solidarität entdeckt manch einer seine eigenen Möglichkeiten, so er an einer Schlüsselposition sitzt, an einem Schalthebel der Macht. Arbeitsbühnen-Verleih-Firmen wie Gerken, Cramer und Hundrup haben mittlerweile ihre Geräte aus dem Wald abgezogen. Die Gronauer(!) Rocklegende Udo Lindenberg ruft alle „Paniker“ zur „vollen Solidarität mit den Aktivisten“ auf, denn was „der RWE Konzern im Hambacher Wald veranstaltet, ist unfassbar - und fordert unseren Widerstand“.

Liedermacher Bodo Wartke zaubert eine wortgewaltige Ballade aus der Klaviatur und erreicht damit binnen weniger Tage über Hunderttausend Menschen über youtube. Der Gründer der Suchmaschine Ecosia, Christian Kroll, ruft unter dem Hashtag #CiaoRWE zum Stromwechsel auf. Große Zeitungen liefern mit Hintergrundinformationen über Kapitalverflechtungen im Strommarkt Entscheidungshilfen zum Ökostrom. Die Satire-Sendungen Extra3 und die Heute Show machen sich lustig, u.a. über eine missglückte Baumhaus-Wochenend-Aktion von Landwirtschaftsministerin Klöckner und Moderator Oliver Welke animiert ganz beiläufig zum RWE-Boykott.

Die großen Umweltschutzorganisationen rufen zur Demonstration am 6. Oktober im Hambacher Forst auf und organisieren Busse ins Rheinland. Das wird all die freuen, die die Berichterstattung verfolgen, bei denen die Arroganz der Macht inzwischen eine unheilige Wut provoziert hat und diejenigen, die das Gefühl haben, etwas zu verpassen, wenn sie bei der großen Bewegung im Hambacher Wald nicht mit dabei sein können.

Das Kohlebündnis aus RWE, der NRW-Landesregierung und der Polizei entfaltet ebenfalls eine gewisse Kreativität: Das Innenministerium verbreitete Falschmeldungen von ausgebufften Tunnelsystemen unter dem Hambacher Forst – „wie im Vietnamkrieg“ und von „Eimerfallen“ – ähnlich dem Prinzip der Spunkfalle, die einst Pippi Langstrumpf ersann, was sich jedoch als eine harmlose Seilbefestigung entpuppte. Pressebeobachter subsumierten die kläglichen Diskreditierungsversuche unter den Schlagworten „Tunnelgate“ und „Eimergate“. Relativ durchsichtig auch der erstaunliche Ausfall exakt derjenigen S-Bahn, die eigentlich pünktlich zum sonntäglichen Waldspaziergang am 23. September hätte nach Buir kommen sollen. Die DB-Kommunikationsabteilung war sich offenbar nicht schlüssig, ob ein – nicht für die ganze Schicht, sondern nur für einen einzigen Zug – krankgemeldeter Lokführer plausibler sei oder eine technische Störung und kommunizierte kurzerhand beides. Ohne den Widerspruch aufzulösen.

Bahnvorstand Ronald Pofalla ist übrigens nicht als Lokführer eingesprungen, sondern blieb auf seinem Posten als Co-Vorsitzender der Kohlekommission. Seine juristische Expertise ist beim Kohleausstieg sicher gefragt, schließlich hat er den Konzernen schon beim Atomausstieg über die Organisation handwerklicher Fehler den Weg zu Entschädigungsklagen geebnet. Legendär der Brief des Ex-RWE-Chefs Großmann, der da schrieb: "Herr Minister Pofalla sagte mir zu, mir ... einen schriftlichen Bescheid zu geben, dass Sie ein evtl. Anfahren verhindern werden. Wann können wir mit diesem Schreiben rechnen?"

Ist der Hambacher Braunkohle-Tagebau weit weg oder tangiert es beispielsweise auch die Hitze-überverwöhnte Region Südbaden? Durchaus, und zwar in mehrerlei Hinsicht. Das grenznahe AKW Fessenheim wird nämlich auch mithilfe des Image-geschädigten Fossil-Nuklear-Konzerns am Laufen gehalten: ein sechstel der Anteile hält RWE an URENCO, der Uran-Fabrik, die im Nordrheinwestfälischen Gronau energieaufwendig Uranhexafluorid durch Zentrifugen-Kaskaden schickt, um für die Brennstäbe der Atomkraftwerke in ganz Europa den Spaltstoff Uran 235 anzureichern. URENCO gibt an, dass „der größte Teil der eingesetzten elektrischen Energie zum Antrieb der Zentrifugen und zu Kühlzwecken erforderlich“ sei. Das stromintensive Unternehmen verbraucht jährlich über 116 Millionen kWh, und somit mehr als alle Haushalte von Gronau (rund 48.000 Einwohner) zusammen.

Der Strom unseres Energieversorgers RWE …“ so URENCO* in seiner „Umwelterklärung 2016“ setzte sich aus überwiegend schmutzigen Komponenten zusammen. Zwischen 40% und 50% des Mixes stammt (je nach Berichtsjahr) aus Kohle, also wird mit Hambacher Braunkohle Fessenheimer Brennstoff produziert und somit hängt auch die ach-so-CO2-arme Atomkraft am Tropf der „billigen“ – weil subventionierten - Braunkohle. Auch ohne die gesamte Gespensterdebatte um Leitungen aus den nördlicheren Netzverstopfer-Regionen in den Schwarzwald wird deutlich: „Jedes verhinderte Windrad verlängert die Gefahrzeit von Kohle- und Atomkraftwerken“. So sagt’s der BUND Freiburg und ruft gemeinsam mit vielen anderen Umweltgruppen zur Unterstützung des Protestes im Hambacher Wald auf.

*Mit Anlagen in Gronau, Almelo, Capenhurst und in den USA versorgt URENCO den Weltmarkt zu mehr als einem Drittel mit auf 3-5 Prozent angereichertem Uran für den Einsatz in Atomkraftwerken. Die je zu einem Drittel im Besitz von Großbritannien, den Niederlanden und den beiden deutschen Konzernen E.on und RWE (je ein Sechstel) gehörende URENCO betreibt entsprechende Anlagen in Gronau (BRD), Almelo (NL), Capenhurst (GB) und in den USA. Die Gronauer Anlage der URENCO ist vom bundesdeutschen Atomausstieg bis heute ausgenommen.

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