Viele Menschen kennen mich aus der Zeitung oder aus dem Fernsehen. Journalisten lieben es, Menschen zu porträtieren. Ich fühle mich mit dieser Fokussierung oft unwohl und würde mir eine andere Art von Journalismus wünschen, der statt die Person, die Inhalte im Vordergrund setzt. Ich kann wiederum bei meiner Arbeit schwer auf Öffentlichkeitsarbeit verzichten und gehe auf diesen Kompromiss ein – sofern ich das Gefühl habe, dass ich dadurch Inhalte transportieren kann. Diese Öffentlichkeitsarbeit ist fester Bestandteil meiner politischen Arbeit. Insbesondere bei der Aktionsform – dem Aktionsklettern - , die ich gewählt habe, ist die Fokussierung schwer zu vermeiden. Das gehört auch zum Konzept des politischen Happenings, an unerwarteter Stelle mit einer ungewöhnlichen Aktion aufzutreten... um aufzurütteln, dem Gegner Probleme zu bereiten und eine Botschaft zu vermitteln. Wie über eine Aktion berichtet wird, hängt stark davon ab, wie diese gestaltet wird, welche Ziele verfolgt werden und wie viele Menschen am öffentlich sichtbaren Teil der Aktion beteiligt sind.

Problematisch ist, dass die Berichtserstattung, die auf Personen fokussiert, ein verzerrtes Bild davon vermittelt, was „Aktivismus“ ist. Wenn ich außerdem als „Vollzeitaktivistin“ und „Bewegungsarbeiterin“ vorgestellt werde, kommen die Menschen schnell auf den – falschen – Gedanken, man könne eine Aktion bestellen, im Auftrag geben und sozusagen eine Aktivistin mieten. Aktivismus wie ich ihn lebe und leben will ist aber keine Dienstleistung!

Erfahrung weiter geben, aber keine Auftragsarbeit!

Meine Erfahrung gebe ich in praktischen (Aktions)Workshops und Vorträge gerne weiter. Auch begleite ich ab und zu Menschen und Gruppen bei ihrer ersten Aktion, damit sie diese mit einer erfahrenen Person durchführen können und der Erfahrungs- und Wissenstransfer so effektiv stattfindet. Das Ziel ist aber immer die Selbstermächtigung und Aneignung von Aktionsformen – und auch deren Weiterentwicklung. Dafür muss eine grundsätzliche Wille vorhanden sein. Die Menschen müssen zu einer Auseinandersetzung mit Aktivismus, mit diversen Aktionsformen und ihren möglichen Folgen bereit sein.

Eine Aktion wird nicht alleine durchgeführt!

Immer wieder betone ich, dass ich eigentlich nur ein Glied in der Kette des politischen Widerstandes bin, dass andere AktivistInnen, die weniger im Vordergrund stehen, genauso wichtig sind, wie ich. Wenn die Kette gebrochen wird, funktioniert keine Aktion. Das Ergebnis ist jedoch, dass überwiegend das Bild der Einzelaktivistin, die die Wellt rettet, vermittelt wird. Obwohl eine Aktion faktisch nicht alleine durchgeführt werden kann : Zu einer Aktion gehört die Vorbereoitiung, die Durchführung und der Umgang mit den Folgen – insbesondere bei Aktionen des zivilen Ungehorsams. Das alles fußt auf die Zusammenarbeit mehrerer Person, ob als Gruppe mit „Label“ organisiert (Verein, Bürgerinitiative...) oder als informelle Gruppe. Wenn bei einer Kletteraktion nur die AktivistInnen, die das Transparent entrollen zu sehen sind, stehen in der Regel viele andere AktivistInnen dahinter, auch wenn ihr Beitrag nicht so sichtbar und wahrnehmbar ist. Wer verschickt die Pressemitteilung? Wer geht ans Telefon wenn die Presse anruft? Wer holt die festgenommen AktivistInnen von der Polizeiwache ab? Die Aktionskette hat viele unverzichtbare Glieder! Auch spontane Aktionen werden nicht alleine durchgeführt. Ohne Hintergrundarbeit und vorhandene Vernetzung wären solche Aktion nur schwer durchsetzbar.

Ein Beispiel

Als ich 2008 über eine Bahnanlage mit einem witzig kleinen Transparent hing und so gegen einen Urantransport aus der Gronauer Urananreicherungsanlage stundenlang und sichtbar alleine protestierte, musste ich auf diese Vernetzung zurück greifen. Für die Aktion hatte ich mich spontan entschieden, es ist schwierig die Massen zu mobilisieren, wenn man kurzfristig erfährt, wann und wo lang ein solcher Transport fährt. Das wird von den Behörden geheim gehalten. Ohne die Menschen, die die Strecken beobachten und die Informationen zum Transport weiter geben, hätte ich die Aktion nicht durchführen können. Ohne Vernetzung mit AtomkraftgegnerInnen aus der Gegend wäre die Berichtserstattung deutlich schwacher ausgefallen, persönliche Pressekontakte hatte ich damals in der Gegend kaum – und die Öffentlichkeitsarbeit um diese und weitere Aktionen trug dazu bei, dass die Firma Urenco 2009 die Uranmülltransporte nach Russland einstellte. Spontan fand sich auch eine Person, die mich mitten in der Nacht von der Polizeiwache abholte. Und wenn ich am 4. November 2013 vor dem Münsteraner Landgericht stehen werde, wird der Gerichtssaal nicht leer sein! Ich wurde vor 4 Jahren in erster Instanz freigesprochen, aber die Staatsanwaltschaft hat Berufung eingelegt und Unterstützung ist weiterhin verdammt wichtig.

Öffentlich wahrnehmbare Aktionen sind nur ein Teil meiner Arbeit.

Wenn ich am Rechner sitze und Informationen zusammen trage, Artikel schreibe und oder übersetzte, wenn ich Vorträge halte, Workshops gebe, wenn Recherchereisen mache und daraus ein Radiobeitrag zusammen schneide, ist dies weniger spektakulär und „interessant“ für die Medien. Darüber wird nicht oder kaum berichtet, obwohl dies eigentlich der wesentliche Teil meiner Arbeit darstellt. Das ich ein weiterer Grund weshalb ich der Auffassung bin, dass die Medien ein verzerrtes und auf jeden Fall unvollständiges Bild von meiner Arbeit als „Vollzeitaktivistin“ und „Bewegungsarbeiterin“ wieder geben. Ich kann mich nicht verzetteln und zum Welt- oder Baumretten überall hin fahren, ich muss inhaltliche Schwerpunkte setzen, Aktionen führe ich im Rahmen dieser Schwerpunkte durch. Natürlich gibt es da immer eine Entwicklung und meine Schwerpunkte ändern sich.

Bewegungsarbeit ist selbstbestimmte Arbeit ohne Auftragsgeber

Ich werde aktuell von der Bewegungsstiftung gefördert und damit finanziere ich meine politische Arbeit und mein Lebensunterhalt. Mit Lohnarbeit hat dies allerdings nichts zu tun. Es handelt sich dabei um ein Patentschafsystem. Meine „Paten“ sind aber keine Auftragsgeber, meine Arbeit, meine Schwerpunkte bestimme ich selbst – natürlich schreibe ich Berichte und ich freue mich über Feedback, Lob und Kritik. Mit „Rent a Demonstrant“ - wie es manchmal aus der Berichtserstattung zu entnehmen ist - hat dies für mich aber nichts zu tun! Es geht viel mehr um Solidarität und gegenseitige Unterstützung in politischen Bewegungen. Viele meiner Paten sind selbst in ihrer eigenen Art und Weise politisch aktiv.

Für Vorträge, Lesungen (mein Buch kommt im Dezember raus) Workshops, Aktionstrainings, Erfahrungsaustausch, Wissensvermittlung (auch Klettern kann man lernen :-) stehe ich gerne zur Verfügung, das begreife ich als Teil meiner politischen Arbeit. Ich animiere gerne Menschen, selbst aktiv zu werden. Aber eine fertige Aktion ist bei mir nicht zu bestellen.