Pfusch, Gewalt, Geheimnis und Vertuschung: Diese Begriffe bringen die französische Atompolitik auf den Punkt.

Sechs Monate nach dem schrecklichen dreifachen GAU in Fukushima hielt eine weitere atomare Explosion zahlreiche Menschen in Atem. Im Südfranzösischen Marcoule ereignete sich am 12. September 2011 ein schwerer Unfall in einer Atommüllverbrennungsanlage.Ein Arbeiter kam bei der Explosion eines Ofens ums Leben, 4 weitere wurden zum Teil schwer verletzt. Über diesen " nicht atomaren Industieunfall" - wie der Innenminister sagte - wurde die Öffentlichkeit erst zwei Stunden nach der Explosion informiert. Und natürlich hieß es, Radioaktivität sei nicht ausgetreten, keiner der ArbeiterInnen sei verstrahlt worden.

Wenige Tage später verdichteten sich - wie oft wenn es um die Atomkraft geht - Hinweise auf Vertuschung.
Von Glück kann wenn es toten gibt überhaupt nicht die Rede sein. Aber ja das ist irgendwie Glück im Unglück. Der toter Arbeiter stammte aus Spanien und dort stellte man sich Fragen, als der Arbeiter beerdigt wurde. Die Leiche des Opfers durften sich nicht einmal seine Verwandten anschauen - weil der Tote in einem speziellen gepanzerten Sarg gelegt wurde. Gut unterrichteten Kreise der Justiz zu Folge war es nicht möglich die Leiche zu dekontaminieren, so dass es als schwachradioaktiven Müll zu verpacken war.

Für Empörung sorgt weiter, dass sowohl die für die Atommüllverbrennung zuständige Firma Socodei, eine Tochterfirma des staatlichen Stromversorgungsunternehmens EDF, als auch die Regierung über die Herkunft des Atommüll - und dessen radioaktives Inventar schweigen. Eine militärische Herkunft - zum Beispiel plutoniumhaltiges Atombombenmaterial - wird vermutet.
Dafür spricht nämlich dass eine der schwerverletzten Opfer inzwischen im Militärkrankenhaus liegt. Über seinen Gesundheitszustand und darüber ob es verstrahlt wurde wird nicht kommuniziert. Das ist Militärgeheimnis - genauso wie alle die Sicherheit von Atomanlagen betreffenden Informationen in Frankreich. (Aktuelle Infos zum Thema bei Sortir du nucléaire)

Geheimnis und Vertuschung herrscht ebenfalls in der Aufklärung um die radioaktive Verseuchung Frankreichs durch die Technobyl-Wolke. Offiziellen Angaben zu Folge hielt die Wolke an der Deutschen Grenze. Frankreich wurde nicht kontaminiert, es wurden - anders als in Deutschland - keine sanitäre Maßnahmen getroffen. Mehrere Hundert Menschen, die in Folge von Tschernobyl an Schuldrüsenkrebs leiden, haben den Staat verklagt. Wenige Tage nach dem GAU in Fukushima beantragte die Staatsanwaltschaft, das Verfahren klanglos einzustellen. Dem folgte inzwischen das Gericht.

Und währenddessen gehen die kriminellen Machenschaften der Atomlobby weiter. Wenn das Leben von Millionen Menschen gefährdet ist, das nenne ich kriminell!

In Flamanville, in der Nieder-Normandie wird ein neues Atomkraftwerk gebaut. Der so genannter EPR sollte ursprünglich 3 Milliarden Euro kosten. Inzwischen sind wir aber bereits bei 6 Milliarden. 2007 wurde ein Aktivist vom Französischen Netzwerk Atomausstieg durch dann innere Geheimdienst des Militärgeheimnisverrates bezichtigt, als eine Studie zur den Sichrheitsmängeln des Reaktors veröffentlicht wurde. Ich selbst stand in Cherbourg vor Gericht, weil ich mich an einer Strommasbesetzungsaktion gegen diesen Reaktor beteiligte

Inzwischen bemängelt aber selbst die französische Atomaussichtsbehörde ASN den Pfush im porösen Betonfundament des Reaktors. Pfusch und Fälschungen sind auf der Tagesordnung der Baustelle - ähnlich wie in Köln... über diesen Beton wird aber kein Stadtarchiv stehen, sondern ein Atomreaktor. Der Bau hat inzwischen über zwei Jahre Verzögerung. Hoffentlich wird aus diesen zwei Jahren eine Ewigkeit!

Das sind alles keine erfreuliche Nachrichten aus Frankreich. Aber dort gibt es selbstverständlich zahlreiche Menschen, die sich gegen diese tödliche Industrie engagieren!

Dank der mühsamen Arbeit der AktivistInnen ist das Thema Atomkraft zum ersten Mal Thema im Wahlkampf für Wahlen auf nationaler eben. 2012 stehen Präsidentschaftswahlen an. Nicht dass ich für Wahlen und die Politik von oben werben will. Jeder kenn den Spruch... wenn Wahlen etwas verändern würden, wären sie verboten. Aber es zeigt dass das Thema es allmählich in die Öffentlichkeit schafft.

Am 15. Oktober wird es dezentral in 7 verschiedenen Städten Demonstrationen gegen die Atomkraft geben. Zum Beispiel in Straßbourg an der Grenze! Weil Radioaktivität keine Grenzen kennt, darf unser Widerstand auch keine Grenzen haben. Ihr seid alle nach Straßbourg herzlich eingeladen! (Infos bei www.sortirdunucleaire.org)

Global denken und Lokal handeln, das ist auch ein wichtiger Ansatz. Der Atomausstieg - angenommen wir hätten wirklich eins in Deutschland - bringt uns nichts wenn es auf der anderen Seite der Grenze knallt. Das ist kein Atomausstieg, wenn in Deutschland die Urananreicherungsanlage in Gronau erweitert wird und Brennstoff aus Gronau und Lingen ins Ausland geliefert wird - Der Uranhahn muss sofort zu gedreht werden! Wir müssen Druck machen, es darf nicht sein, dass der Protest gegen die Urananreicherungsanlage in Gronau nur von regionaler Bedeutung bleibt.

Bild Konrad Lippert

Und weil die Aktivistinnen in Frankreich auch wissen, wie wichtig internationaler Protest ist, werden sie dieses Jahr erneut gegen den Castortransport von La Hague nach Gorleben. Meinen Beitrag schließe ich mit einem Lob an die AktivistInnen vom GANVA. Die AktivistInnen dieser französischen gewaltfreien Aktionsgruppe stellten sich im November 2010 dem Castortransport in dem Weg. Nachdem der Zug zum Stehen gebracht worden war ketteten sich 4 von ihnen an der Schiene Fest. Drei Stunden konnten sie den Transport in der nähe von Caen aufhalten.

Doch sie mussten dafür dass sie sich deutschem Atommüll in dem Weg stellten einen hohen Preis zahlen. Die Polizei verletzte sie bei der Räumung schwer. Zuvor hatte sie die Presse weg geschickt, damit sie in Ruhe foltern kann. Einem Aktivisten trennte die Polizei zwei Sehnen mit der Flex. Andere wurden schwer verbrannt und musste anschließend operiert werden.

Die AktivistInnen wurden vor Gericht zu hohen Geldstrafen verurteilt. Ihre Anzeige wegen Körperverletzung gegen die Polizei wurde von der Staatsanwaltschaft nach wenigen Tagen eingestellt.

Damien, einem der AktivistInnen von GANVA, dem ich gut kenne weil er in Deutschland an einer Luftblockade eines Atomtransportes in Geestacht (Ottohahn-Brennstäbe die inzwischen in Lubmin lagern) beteiligt war, sagte mir neulich im Bezug auf der Gewalt der Polizei: erst jetzt recht! Ich bin wütender denn je und will weiter kämpfen. Niemals aufgeben!!!!!
Dem schließe ich mich an! Niemals aufgeben! Eichhörnchen (Bild: Konrad Lippert)