Ich leide seit nun über 12 Jahren an chronische rheumathoide Arthritis (Autoimmunkrankheit, chronische Gelenkentzündung). Die Schmerzen gehören für mich zum Alltag und ich bin seit 2010 im Besitz eines Schwerbehindertenausweises, GdB 60 mit Merkzeichen G. Ich habe viele Therapieversuche hinter mir. Wenn es um Schmerzen geht, ist der Mensch bereit viele Dinge zu probieren. Ich stand lange Biologika sehr ablehnend gegenüber, weil allein deren Preis (mehrere Tausend Euro für die Krankenkasse im Monat) mir das Gefühl vermittelte, die Pharmaindustrie würde sich damit dumm und dämlich verdienen. Auch gibt es kaum brauchbare Langzeiterfahrungswerte zu diesen Arzneimitteln, die für die meisten erst seit kurzem zugelassen sind. Arzneimittel werden erst nach erfolgreichen Studien zugelassen, aber wer kann schon sagen was die Langzeitwirkungen von neuen Wirkstoffen sind. Mit Langzeit meine ich mehrere Jahrzehnte. Die Liste der möglichen Nebenwirkungen  ist erschwinglich. Einige Biotherapien gleichen der Krebstherapie. Ich habe deshalb bei jedem Versuch starke Bauchschmerzen gehabt. Ich musste die Therapien alle nacheinander abbrechen: wegen fehlender Wirkung oder extremen z.t. lebensgefährlichen Nebenwirkungen. Die am häufigsten auftretende Nebenwirkung war eine andauernde Müdigkeit wie beim Fatiguesyndrom, die sich  3 von 4 Wochen im Monat bemerkbar machte. Ich gelte als austherapiert. Ich habe mit der Zeit meinen Weg gefunden und greife auf zahlreiche Hilfsmittel und eine monatliche Osteopathische Behandlung zur Linderung der Schmerzen zurück. Doch es reicht nicht.
Ich habe mich lange einem Versuch mit Opiate oder Cannabis gesperrt – bis zum einem heftigen Schub im Sommer 2015.

Ich war anderthalb Monat lang kaum in der Lage einen Schritt zu machen und litt unter heftigen Schmerzen, fand keinen Schlaf. Ein an MS erkrankter Bekannter hatte mir bereits zuvor empfohlen, es mit dem Cannabis zu probieren. Auch wenn ich der Auffassung bin, dass ein Verbot von Drogen keine Lösung zu den damit verbundenen Problemen ist und für deren Legalisierung eintrete – zumal es ja schon genug legale Drogen wie Tabak oder Alkohol gibt, die ja nicht besser sind – wollte ich lange nicht probieren. Ich mag keine bewusstseinsverändernde Dinge, ich vertrage nicht mal Alkohol. Der öffentliche Diskurs über Drogen machte das übrige. Das Thema Cannabis oder Opiate war für mich schlicht Tabu.
Der heftige Schub vom Sommer 2015 brachte mich jedoch zu einem Umdenken und ich startete einen Selbstversuch und traute es mir endlich zu dies mit meinem behandelnden Arzt zu bereden. Ich bin heute im Besitz von einer Erlaubnis des BfArM nach§ 3 Abs. 2 BtMG.  Ich darf zur Behandlung meiner Krankheit und Schmerzlinderung Cannabis aus der Apotheke beziehen – dies ist jedoch sehr teuer. An dieser Stelle bedanke ich mich bei den Menschen die mich finanziell unterstützen! Denn ich muss noch mindestens ein Jahr durchhalten und die Medizin selbst finanzieren, bis das neue Gesetz in kraft tritt. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Kosten dann von meiner Krankenkasse übernommen werden. Nach der derzeitigen Rechtslage bin ich dafür nicht krank genug. Denn die Krankenkasse schreibt mir, ich müsse mich in einem lebensbedrohlichen Zustand befinden, um eine Erstattung zu bekommen. Und selbst der Weg zur Genehmigung war sehr teuer!
Ich schildere hier meine Erfahrungen, weil es anderen Betroffenen nützlich sein kann und gesunde Menschen vielleicht sensibilisieren kann. Nein, es geht nicht ums Kiffen auf Kosten der Krankenkasse! Das ist eine verkürzte unrichtige Darstellung, die mich ärgert, wenn ich diese in Medienberichten lese. Es geht um den Kampf um Grundrechte. Um den Kampf gegen die Schmerzen. Um das Recht Schmerzen zu lindern. Sowie um den Kampf gegen die Pharmaindustrie, die Wirkstoffe nur dann erforscht und auf dem Markt bringt, wenn sie sich damit dumm und dämlich verdienen kann. Und ein Kampf gegen eine Gesellschaft, die Menschen vorschreiben will, was für sie gut ist und die, die es anders sehen, kriminalisiert.

Als ich mein Rheumaarzt aufsuchte, mit dem Ziel, Cannabis als Medizin zu probieren, wurde ich schnell einem Kollegen überwiesen, mein Rheumaarzt ist freundlich und kompetent. Er gab aber unumwunden zu, sich mit Cannabis nicht auszukennen. Da ich für mein Rheuma Opiate noch nicht ausprobiert hatte, wurde dies mir zuerst verschrieben, denn eine Genehmigung für Cannabis als Medizin kommt erst dann in Betracht, wenn andere Therapien erfolglos geblieben sind. Opiate haben stärkere Nebenwirkungen als Cannabis – ich würde trotzdem einfacher Morphium als Cannabis verschrieben bekommen! – aber Opiate sind zugelassen und Cannabis nicht... deshalb muss man Opiate ausprobieren. Absurd! Ich habe Tilidin, wie der Opiate hieß,  nicht vertragen. Ich kam nicht damit klar, den ganzen Tag in der Watte zu sein, nicht klar zu denken und gefühlt neben der Spur zu sein. Ich konnte mich überhaupt nicht konzentrieren. Die Schmerzen waren zwar weniger intensiv, Lebensqualität konnte ich damit aber trotzdem nicht gewinnen. Ich habe die Arznei sehr schnell wieder abgesetzt. Mein Arzt hat angesichts dessen, dass ich Tilidin schon nicht vertragen habe,  von einem Versuch mit Morphium abgesehen. Ich war erleichtert, denn ich weiß dass Morphium noch mehr „balabala“ macht und dass das Abhängigkeitsrisiko hoch ist.

Ich habe dann „Sativex“ verschrieben bekommen. Das ist eine für MS zugelassene Arznei auf Cannabisbasis (THC und CBD). Ich musste für 30ml über 300 Euro bezahlen – das ging nur auf Privatrezept weil es eine off-label Behandlung war.  Der Versuch scheiterte an der Weigerung meiner Krankenkasse, die Kosten zu übernehmen und an den Nebenwirkungen des Präparats, ich konnte nicht die Menge nehmen, die ich benötigte, weil ich das in der Arznei als Lösungsmittel für THC verwendete Alkohol nicht vertragen habe.  Es gibt Erkenntnisse wonach die Mischung von Alkohol und Cannabis nicht zu empfehlen ist, weil das Abhängigkreitsrisiko hoch ist und dann... ist diese Mischung ausgerechnet in einer zugelassenen Arznei zu finden! Das finde ich absurd. Okay, das ist sehr wenig Alkohol, aber ich vertrage selbst diese Menge nicht. Die Einnahme von Sativex hat heftige Kopfschmerzen verursacht. Ich habe es trotzdem genommen (abends) indem ich die Arznei aufgekocht habe, damit der Alkohol mind. zum Teil verdampft – war besser als nix.

Ich habe bei einem Selbstversuch schnell herausgefunden, dass Cannabisblüten für mich wirksamer und unkomplizierter sind! Mein Arzt kannte sich da aber nicht aus. Ich bin also zu einer Ärztin nach Berlin gereist, sie wurde mir empfohlen, weil sie schon mehrere Patienten bei ihrer Cannabistherapie begleitet hat. Dies war sehr teuer, denn die Ärztin nimmt keine Kassenpatienten auf. Der Arztbesuch kostete 107,26 Euro. Da die Ärztin eingeschätzt hat, dass in meinem Fall die Genehmigung für Cannabis als Medizin problemlos zu erhalten sein dürfte, habe ich den Antrag beim BfArM gestellt. Die Ärztin hat dafür ein Gutachten erstellt, das hat mir 221 Euro gekostet.

Sechs Wochen nach Einreichen des Antrags war die Genehmigung vom BfArM im Briefkasten. Ich habe nun beim BfArM beantragt, dass von der Erhebung der Antragsgebühr in Höhe von 75 Euro abgesehen wird, meine Finanzen sind sehr knapp! Ich muss den Cannabis, den ich aus der Apotheke beziehe, selbst finanzieren. 5gr kosten 73 Euro! Ich benötige um die 15 Gramm im Monat - das ist zum Glück im Vergleich zu anderen Patienten wenig. Die genaue Menge habe ich noch nicht rausgefunden, denn die Apothekensorten sind für mich neu. Auch wenn es teuer ist: es ist für mich eine Erleichterung. Denn die Sorten aus der Apotheke sind was den Wirkstoffgehalt angeht, zuverlässig und ich finde geeignete Sorten mit hohem CBD Anteil – ich nehme derzeit die Sorte Bediol. CBD ist weniger bekannt als THC, das ist nicht Psychoaktiv. Das ist entzündungshemmend, was bei meiner Krankheit von Vorteil ist, weil die Schmerzen von der Entzündung der Gelenkflüssigkeit her kommen - und von den kaputten Gelenken, aber bei mir ist es vor allem die Entzündung, die Schmerzen verursacht. Ich rauche nicht, inhalieren gefällt mir auch nicht, das ist für die Lungen unangenehm. Ich möchte keine schnell eintretende Wirkung, sondern eine lang anhaltende. Also backe ich Kekse, die ich vor dem Einschlafen nehme. Ich mag die Nebenwirkung nicht so sehr, wenn die Wirkung vom THC eintritt, kann ich mich nicht mehr konzentrieren. Deshalb nehme ich die Blüten nur abends ein.  Dafür kann ich endlich durchschlafen und das sorgt allein für etwas Lebensqualität! Allein dafür lohnt es sich, auch wenn ich die Nebenwirkung abends nicht so gerne spüre. Ich kann verstehen, dass Leute mal aus Spaß kiffen, warum nicht. Aber jeden Tag das Zeug nehmen, das ist nicht wirklich meins. Gleichzeitig bin ich wie euphorisiert, wenn ich abends merke, die Schmerzen sind für ein paar Stunden so gut wie weg. Das habe ich seit Jahren nicht mehr gehabt. Das macht mich unheimlich glücklich. Und die Morgensteifigkeit ist geringer geworden. Auch konnte ich meine tägliche Einnahme von Cortison um die Hälfte reduzieren – was ich eindeutig merke, weil die Nebenwirkungen der Cortison wirklich keinen Spaß machen (Gewichtszunahme, depressive Stimmung, Risiko der Osteoporose insbesondere bei Frauen). Ich habe außer die Benommenheit nach der Einnahme von Cannabis abends keine Nebenwirkungen – der oft beschriebenen „Fressflash“ ist bei mir nicht aufgetreten.  Das ist echt ein Vorteil im Vergleich zu allem was ich schon ausprobiert habe.

Es ist natürlich kein Wundermittel. Das wäre gelogen dies zu behaupten. Ich muss weiterhin Cortison nehmen, ohne Cortison würde ich nicht mal aufstehen können.  Schübe sind bislang nicht in der gleichen Intensität wie im vergangenen Sommer aufgetreten, aber esist zu früh um hierzu eine Aussage zur Wirkung von Cannabis zu treffen. Und ich habe weiterhin tagtäglich Schmerzen und bin weiterhin auf diverse Hilfsmittel angewiesen, ich kann nicht von heute auf morgen wieder laufen weil ich Cannabis nehme, nein. Es geht eher um Schmerzlinderung und Lebensqualität. Dafür gibt es kein Geld der Krankenkasse. Die ist bereit Tausende Euro für Biologika zu zahlen, die paar Hundert Euro für Cannabisblüten jedoch nicht – weil ich mich nicht in einem lebensbedrohlichen Zustand befinde. Dies soll sich mit dem neuen Gesetz ändern. Das wäre schon mal ein Schritt in die richtige Richtung. Derzeit geht über die Hälfte meines Einkommens in Gesundheitskosten: Ostheopathie (wird von der Krankenkasse nur zum geringen Teil erstatett), Hilfsmittel (z.B. Eigenantreil für die Gelenkschoner, ich habe einen hohen Verbrauch davon!), einige Arznei auf Privatrezept, Cannabistherapie. hinzu kommt der Krankenkassenbeitrag (ich arbeite selbstständig, so dass ich diesen Beitrag selbst zahlen muss). Aktuell gebe ich insgesamt ca. 500 Euro monaltich dafür aus!

In einem nächsten Schritt sollte der Cannabiskonsum und -Besitz auch für Menschen, die dies nicht als Medizin konsumieren, entkriminalisiert werden! Ich kann nicht nachvollziehen, weshalb es legale und illegale Drogen gibt. Tabak ist nachweislich gesundheitsschädigend, aber legal. Cannabis ist nicht schädigender als Tabak – eher weniger – zumindest bei Erwachsenen. Und selbst bei Abhängigkeitsproblemen (diese treten bei Cannabis selten auf): die Menschen benötigen Hilfe um aus dem Dorgenteufelskreis heraus zu kommen. Verbot und Knast löst das Drogenproblem der Gesellschaft nicht! In Frauenknäste sitzen über 50 Prozent eine Strafe im Zusammenhang mit Drogenkonsum und Beschaffungskriminalität ein. Ist das eine „Lösung“ zum Drogenproblem? Nein! Das Verbot hat nur dazu geführt, dass die Substanz Tabu und ihr Nutzen kaum erforscht ist. Es ist Zeit, dass es sich ändert. Es ist einfach nur doof, dass ich mich lange nicht getraut habe, das Tabu zu brechen. Ich hätte meine Schmerzen früher lindern können!