Heute wird in Malvési Uranerzkonzentrat, das aus Uranminen der ganzen Welt (u.a. Kanada, Niger, Namibia, Usbekistan, Kasachstan) verarbeitet. Die letzten französischen Uranminen wurden um das Jahr 2000 geschlossen. Das Uran stammt zu 100% aus dem Ausland. Das Uranerzkonzentrat oder „Yellow Cake“ (U3O8) wird chemisch behandelt und schließlich in Urantetrafluorid (UF4) umgewandelt. Dafür sind hoch giftige, ätzende Chemikalien wie Salpetersäure, gasförmiges Ammoniak und Flusssäure. Anschließend wird das UF4 zur einer weiteren AREVA-Anlage  in ca. 200 Kilometer Entfernung nach Tricastin/Pierrelatte transportiert, um dort in Uranhexafluorid (UF6) verwandelt und schließlich angereichert zu werden.

Bei der Verarbeitung und Umwandlung des Urans entstehen große Mengen flüssiger und halb flüssiger giftiger schwach strahlender Abfall, der nun seit über 60 Jahren kontinuierlich in elf großen Abklingbecken geleitet wird. Die Becken erstrecken sich heute über ca. 30 Hektar. Der Standort wurde 1959 durch den CEA (Commissariat à l'énergie atomique) auf Grund des für die Verteilung der Radioaktivität günstigen Klimas ausgewählt. Die Gegen ist sehr windig und sehr sonnig, was die Verdunstung und die Verteilung begünstigt.

Keine Atomanlage... Aber...
Die AREVA Anlage in Narbonne-Malvési verarbeitet Uran, offiziell handelt es sich jedoch nicht um eine kerntechnische Anlage (Installation nucléaire de base INB). Eine solche Klassifizierung gibt es nur für Anlagen die eine gesetzlich festgelegte Menge an Radioaktivität verarbeiten. Beim Uran liegt diese Grenze bei einer Million Becquerel. Verarbeitet wird diese Menge nicht – bei der Lagerung des Urans (Rohstoff, Abfall, etc.), die mit der Verarbeitung des Urans einher geht, wird die Grenze von einem Million Becquerel deutlich überstiegen, aber das zählt nicht...
AREVA darf  400  mal diese Menge als umschlossene Strahlenquelle lagern. 24 Millionen mal diese Menge in den im Produktionskreisverlauf vorkommenden uranhaltigen Produkten. Sowie eine Milliarde mal diese Mengen bei der Zwischlenlagerung von Uranerzkonzentrat und von Endprodukten. In den elf Abklingbecken wird diese Menge 60 Millionen Mal übertroffen.

Einige Becken rund um die Anlage (3 Bilder: D. Latorre)


Der Grund weshalb die Anlage nicht als Kerntechnische Anlage gilt, ist eine Gesetzesänderung aus dem Jahr 2007, es wurde beschlossen, dass die Grenzwerte für nicht angereichertes Nartururan nicht gelten! 2004 lagerten mehr als 400 000 Tonnen nitrathaltiger radioaktiver Abfall. Das entspricht ca. 400 Tonnen Uran. Die Anlage ist also keine „kerntechnische Anlage“. Sie ist aber immerhin wegen der chemisch hochgefährlichen Stoffen SEVESO II klassifiziert.

Obwohl AREVA nach der Fukushima-Katastrophe 2011 Japan als großen Abnehmer verloren hat, wird die Anlage derzeit weiter erweitert. 2013 wurden 12 454 UF4 Tonnen verarbeitet. Die Produktionskapazität soll nun auf 21 000 Tonnen pro Jahr erhöht werden. Die Bauarbeiten sind zugange. Es gibt derzeit ca. 300 Angestellte (die Subunternehmen sind nicht mitgezählt).

Die vorderen Fässer sind mit Sand gefüllt,  sie dienen offiziell der Abschirmung für die Radioaktivität.(1 Bild: Eichhörnchen) Am Zaun strahlt es trotzdem stark, wie ein Video der CRIIRAD es zeigt.



Über die Jahre gewachsen
Die AREVA Anlage in Malvési ist über die Jahre gewachsen. In Narbonne ist sie als Comurhex-Anlage bekannt. Comurhex war bis Anfang 2014 ein Tochterunternehmen von AREVA. Eine Restrukturierung führte dazu, dass AREVA nun der offizielle Betreiber ist. Die Menschen vor Ort sprechen aber noch von der „usine Comurhex“
Sandrinne vom „Café de la Poste“ in Narbonne war bis vor wenigen Jahren direkte Nachbarin von der Anlage. Sie hat mir erzählt, wie die Anlage über die Jahre gewachsen ist und wie ihre Familie schließlich vertrieben wurde.
Ihre Familie wohnte in Malvezy schon vor der Niederlasung der Uranfabrik. Als kleines Kind lief Sandrinne über die Felder. Von der Anlage war weit und breit nichts zu sehen. Doch der Zaun kam immer näher bis er das Haus von Sandrinne und ihrer Familie erreichte. Die Familie, die sich weigerte zu verkaufen und zu gehen, wurde faktisch eingezäunt. Selbst die Zuwegung gehört AREVA. Der Konzern muss aber der Familie und dessen BesucherInnen die Durchfahrt gestatten. Die Oma von Sandrinne wohnt seit über 80 Jahren im Haus. Sie weigerte sich es zu verlassen, als es nach einem Zwischenfall bei der Comurhex doch an AREVA verkauft wurde und die Enkelkinder es nicht mehr aushalten konnten.

Die AREVA-Anlage mit dem Haus wo die 102 Jahre alte Oma noch wohnt im Vordergrund (1 Bild: D. Latorre)

Das Haus (1 Bild: Eichhörnchen)

Der Betreiber, der damals noch Comurhex hieß nutze geschickt ein schwerwiegender Zwischenfall mit radioaktiver Verseuchung der Umgebung um die Familie zu vertreiben. Sandrinne hatte an diesem 20. März 2004 FreundInnen zu ihrem Geburtstag eingeladen. Diese riefen sie an und fragten ob sie  nach dem Unfall in der Uranfabrik noch kommen sollten. Sandrinne viel aus allen Wolken und schaltete das Radio ein. In der Tat, es war die Rede von einem Zwischenfall mit radioaktiver Verseuchung die Rede. Sie ging um das Haus und stellte fest, dass ein undefinierbarer Schlamm die Rückseite des Hauses erreicht hatte. Der Damm eines Abklingbecken war ausgelaufen, 30 000 m3 uranhaltigem Schlamm liefen aus, bis um Schlimmeres zu verhindern, eine Sperre gebaut wurde. VertreterInnen der Comuhrex kamen erst 3 Tage später vorbei, um über den Vorfall zu informieren. Der Mitarbeiter erklärte, es sei alles harmlos, mit dem Schlamm könne man sein Garten düngen, es enthalte eine große Menge Phosphat. 

Zuwegung zum Haus - AREVA hat "Zugang Verboten" Schilder aufgestellt, ihre Oma darf Sandrinne trotzdem besuchen. FreundInnen darf die alte Dame auch empfangen. Wieder sind die mit Sand gefüllte Fässer zu sehen. (1 Bild: Eichhörnchen)

Die Familie zeigte sich misstrauisch und wandte sich an die CRIIRAD, ein unabhängigs Labor zur Messung von Radioaktivität. Proben wurde genommen. Die Untersuchung wies radioaktive Elemente wie Plutonium und Radium nach. Die Comurhex erklärte zunächst es sei nicht möglich, die Ergebnisse würden nicht stimmen. Plutonium kommt in der Natur nicht vor. Eine zweite Analyse offizieller Seite bestätigte 2009 die Ergebnisse der CRIIRAD. Die Comurhex musste schließlich zugeben, dass in Malvési nicht nur Natururan verarbeitet wurde. Bis in die 80er Jahre wurde Uran aus der Wiederaufbereitungsanlage verarbeitet. Dies wurde eingestellt, weil das Verfahren besonders teuer und aufwendig war, die Ergebnisse waren nicht zufriedenstellend.Das reichte aber für eine Verseuchung der Anlage mit Plutonium aus. Wie ein Aktivist mir erzählte, wurde dies vom Betreiber Jahrelang bewusst verschwiegen. Ein „Déplutonisateur“ wurde in den 80er Jahre eingesetzt, das zeigt, dass der Betreiber wohl über die Präsenz von Plutonium Bescheid wusste.

Statt sich bei der Familie von Sandrinne zu entschuldigen, kam die Comurhex nach dem Unfall mit einem Angebot. Sie wusste, dass die junge Musikerin arbeitslos war und bot ihr Geld für den Verkauf des Hauses sowie einen Arbeitsplatz in der Anlage an.
Der Arbeitsplatz wurde nicht angenommen. Angesichts der Verseuchung des Ortes entschied sich die junge Familie für den Verkauf des Hauses an die Comurhex – mit der Bedingung, dass die Oma, die nicht umziehen wollte, kostenfrei im Haus weiter wohnen dürfe. Die Comurhex ging darauf ein. Sie dachte, mit der über 90 Jahre alten Dame wird es sowieso nicht mehr lange dauern. Die Dame wird im Januar 2015 103 Jahre alt, wie sie mir stolz erzählte. „So schnell kriegen sie mich nicht weg“, sagte sie mit einem Lächeln. Sandrinne und ihr Freund haben mit dem Geld ein Café in der Innenstadt eröffnet. Dort finden zahlreiche kulturelle und politische Veranstaltungen statt. Am Tag vor dem Prozess der „Bloqueurs d'uranium“, der AktivistInnen die 2013 einen mit UF4 beladenen LKW rund 1,5 Stunden blockierten, kamen über 150 Menschen zur Veranstaltung im Café de la Poste, es passten nicht alle Menschen hinein.

Weil Plutonium nachweislich in den Becken B1 und B2 vorhanden ist, soll nun eine Klassifizierung als kerntechnische Anlage erfolgen. Dies würde aber nur die Abklingbecken, also den Atommüll, betreffen und nicht die gesamte Anlage. AREVA und die atomare Aufsichtsbehörde haben keine Eile, die Prozedur läuft schon seit 2009.

Die weißen Säcke sind Atommüllsäcke, die einfach so herum liegen. Sie sind mit verstahltem Material (Werkzeuge, Anzüge, etc.) gefüllt. (1 Bild: Eichhörnchen)


Die AtomkraftgegnerInnen verlangen eine Einstufung der gesamten Anlage als kerntechnische Anlage. Die Anlage verseucht die ganze Umgebung. Zahlreiche ArbeiterInnen erkranken an strahleninduzierte Krankheiten. Eine Klassifizierung der Anlage würde zu strengeren Arbeitsvorschriften führen.

Weitere Zwischenfälle :
Der Dammbruch hat heute noch Folgen. ArbeiterInnen wurden damals zur Eindämmung der Katastrophe eingesetzt. Sie plantschten ahnungslos im hoch verseuchten Schlamm herum. Ein Arbeiter eines Subuntenrehmens, der dort ohne Schutzausrüstung Bohrungen vorgenommen hat, leidet heute an Leukämie. Er kämpft um die Anerkennung seiner Krankheit als Berufskrankheit. Die Sozialversicherung sagt aber, das ginge nicht, er habe nicht lange genug vor Ort gearbeitet. Wenn man weiß, dass die geringste eingeatmete Menge Plutonium eine Leukämie auslösen kann... das passt aber nicht in die bürokratischen Vorschriften!

Andere Zwischenfälle, die zu Verseuchung geführt haben, ereigneten sich in den letzten Jahren.
Ende Januar 2006 wurde ein Teil der Anlage nach starkem Regen überschwemmt. Das Wasser lief dann in die diversen Becken. Dies führte zu einer sehr hohen Konzentration an Nitrat. (80 mg/l statt üblicherweise 20 mg/l)

Im August 2009 liefen Fluor und Uran aus, das verseuchte Wasser erreichte den Kanal von Tauran. Der Sigean-See wurde ebenfalls kontaminiert. Der Ort ist ein Tierschutzgebiet mit großem Touristen-Andrang im August. Das verseuchte Wasser gelangte schließlich ins Meer. Der Vorfall wurde mit anderthalb Tage Verspätung öffentlich gemacht.

Hinzu kommt, dass viele Arbeiter an strahleninduzierten Krankheiten leiden: Lungenkrebs, chronische myeloische Leukämie (CML), etc. Ob AREVA-Mitarbeiter oder Arbeiter von Subunternehmen: Es gibt keine Statistik, aber die Anzahl an Erkrankungen fällt auf. Selbst der Werksarzt und der Pförtner der Anlage sind an Leukämie gestorben. Unbekannt ist auch die Anzahl an Erkrankungen in der Bevölkerung um die Anlage. Es gibt keine Statistik dazu.

Eichhörnchen

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Im nächsten Beitrag greife ich das Thema wieder auf, ich habe ein Interview mit einem an Leukämie erkrankten ehemaligen Arbeiter der Anlage geführt.

- Der lange Kampf des ehemaligen Werksmitarbeiters Michel Leclerc