Als es am 6. Dezember brannte und die gesamten Feuerwehren aus der Umgebung alarmiert wurden, informierte der Betreiber der Anlage, Advances Nuclear Fuel – Framatome, die Bevölkerung über Stunden nicht . Die Lokalzeitung verfolgten den Einsatz und rätselte über Gründe und Ausmaß. Der NDR meldete den Vorfall mit rund 2 Stunden Verzögerung.

Am Tag danach hieß es dann seitens des Betreibers und der Behörden, der Katastrophenschutz habe wunderbar funktioniert. Die Feuerwehr sei um 19:40 Uhr alarmiert worden, der Brand sei um 21.12 Uhr gelöscht gewesen. Es habe sich lediglich um einem Kleinbrand gehandelt, es sei keine Radioaktivität aus dem Gebäude ausgetreten. Berichten zufolge ereignete sich der Unfall im nicht-nuklearen Bereich.

Doch Meldungen wonach die Produktion nun nach dem Unfall still stehen müsse (3) ließen aufhorchen. Das Selbstlob der Behörden über den erfolgreichen Katastrophenschutz hinterließ zudem einen faden Beigeschmack, insbesondere bei Einwohner*innen, die über Stunden keinerlei Informationen erhielten. Irgendetwas ist hier faul, dachten sich viele.

Dies bestätigte sich wenige Tage später, als am 10.12. bekannt wurde, der Unfall habe sich doch im nuklearen Bereich ereignet. Der Betreiber sprach aber weiterhin von einem Kleinbrand auf 40 mal 40 Zentimetern Fläche. (4)

Bilder vom Brandort, die im Umweltausschuss des niedersächsischen Landtages den Abgeordneten zur Verfügung gestellt wurden, lassen daran Zweifel aufkommen (5). Sie zeigen einen vollkommen zerstörten Raum. Dieser wird nach Angaben des Betreibers zur Reduzierung uranhaltiger Abfallstoffe genutzt. Man fragt sich aber wie es zu der Explosion von 55 Liter Wasserstoff an einem nuklearen Verdampfer kommen konnte. Diese Angabe stammt vom Umweltministerium. Der Betreiber, der nach Bekanntwerden der ersten Falschmeldung seine Pressestelle abschaltete, meldete sich erst am 13.12. wieder zu Wort und betonte, es sei „nur“ eine Verpuffung gewesen. (6)

Ob Explosion oder Verpuffung: Rätselhaft bleibt, wie es angesichts dessen, dass drei Tage vor dem Unfall am Brandort keine Stoffe verdampft worden sein sollen, zur Explosion kommen konnte.

Nicht glaubhaft ist außerdem die Aussage, es habe keine Kontamination der Umgebung gegeben, das Uran sei aufgefangen worden. Wo sind denn die 1000 Liter ausgelaufenes uranhaltiges Wasser denn hin? Sie haben sich mit Sicherheit nicht in Nichts aufgelöst! Was heißt „aufgefangen“?

Kommt die nächste Korrektur, es habe doch eine radioaktive Kontamination gegeben – wie vor wenigen Wochen in der Orano-Frabrik in Narbonne Malvési?

Aus AREVA wurde vor wenigen Monaten Framatome. Wohl weil der Name AREVA in Verbindung mit zahlreichen Kontaminationsskandalen steht. Doch dass aus AREVA Framatome und Orano wurde, ändert nichts an den Gefahren! Und Vertuschung scheint regulär auf der Tagesordnung zu stehen! Über den Hamburger Hafen wird Uranerzkonzentrat aus Namibia und Australien in die Orano-Uranraffinerie in Narbonne Malvési geliefert. Dort wurden zwei Atomfässer im Sommer 2018 undicht. Es hieß zunächst wie in Lingen, Radioaktivität sei nicht nach außen gelangt. Wenige Monate später, am 22. November 2018, kam heraus: Es wurde nur deshalb keine erhöhte Radioaktivität außerhalb des Gebäudes festgestellt, weil die Messanlage falsch kalibriert war und somit gar nichts messen konnte! (7) Keiner weiß, ob und wie viel Radioaktivität nach außen gelangt ist. Dann wundert man sich über die zahlreichen Krebsfälle dort. (8)

Der aktuelle Brand im nuklearen Bereich der Fabrik in Lingen ist nur die Spitze des Eisbergs. Seit Inbetriebnahme gab es rund 150 meldepflichtige Ereignisse. Allein im November 2018 kam es zu zwei meldepflichtigen Vorkommnissen. Ein schwerer Unfall kann sich jederzeit ereignen. Und der aktuelle Brand zeigt, dass sowohl der Betreiber als auch die Behörden im Krisenfall unzuverlässig sind. Radioaktivität riecht nicht. Radioaktivität ist unsichtbar. Die Kontamination ist schleichend, ihre Auswirkungen auf Menschen und Tiere sind erst mit Verzögerung feststellbar. Die Atomlobbyisten haben es leicht, zu vertuschen, um ihre Geschäfte zu schützen.

Atomausstieg bleibt Handarbeit

In der Lingener Fabrik werden aus angereichertem Uran Brennelemente gefertigt, die in Atomreaktoren in der ganzen Welt eingesetzt werden. 90 Prozent der Produktion geht ins Ausland. Trotz des durch die Bundesregierung beschlossenen Atomausstiegs hat die Lingener Fabrik eine unbefristete Betriebserlaubnis – genauso wie die Urananreicherungsanlage in Gronau. Eine rechtssichere Stilllegung beider Anlagen ist einem Gutachten zur Folge möglich. Der politische Wille fehlt.

Atomausstieg bleibt Handarbeit. Darum ist es weiter notwendig, gegen die Uranfabriken in Lingen und Gronau mit kreativen Aktionen vorzugehen und sich Atomtransporten in Weg zu stellen. Ohne Atomtransporte kein Betrieb!

Fußnoten:

(1) Seite der Stadt Lingen: https://lingen.ratsinfomanagement.net/tops/?__=UGhVM0hpd2NXNFdFcExjZe5_rSn26yc2VqBcUf08CKk

(2) Bilder der Mahnwache: https://www.facebook.com/BBU72

(3) NOZ vom 7.12.18: https://www.noz.de/lokales/lingen/artikel/1605553/fertigung-steht-bei-anf-in-lingen-auf-unbestimmte-zeit-still

(4) NDR vom 10.12.18: https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/osnabrueck_emsland/Lingen-Es-brannte-doch-im-nuklearen-Bereich,lingen646.html

(5) Bild vom Brand: https://twitter.com/MiriamStaudte/status/1072493118967177219

(6) NOZ vom 13.12.18: https://www.noz.de/lokales/lingen/artikel/1609304/werksleiter-keine-gefahr-fuer-bevoelkerung-nach-brand-bei-anf-in-lingen

(7) Meldung von Sortir du nucléaire vom 22.11.2018: https://www.sortirdunucleaire.org/France-Orano-Cycle-Tricastin-Fuite-sur-2-colis-radioactifs-dispersion-de-la-radioactivite-a-l-interieur-du-batiment-et-contamination-de-l-environnement

(8) siehe „Der Kampf eines Arbeiters gegen die Leukämie“: http://www.atomtransporte-hamburg-stoppen.de/wer-ist-an-den-transporten-beteiligt/uranfabrik-narbonne-malvesi/