Aber ja, es gibt Umstände die Unfälle (auch ohne direkte Fremdeinwirkung) wahrscheinlicher machen. Und wenn Menschen ständig das Klettermaterial abgenommen wird, trägt dies auch zu Gefahren bei. Ein Unfall kann auch unter normalen Umstände passieren. Klettern ist nicht ohne Risiko. Aber Autofahren auch nicht... Klettern sollte nur wer eine vollständige Ausbildung erhalten hat. Ist wie der Führerschein beim Autofahren. Mir sind schon Menschen begegnet, die ohne ausgebildet zu sein, klettern (Sowohl beim Felsklettern als auch beim Baumklettern) und Unfälle sind mir in diesem Zusammenhang auch bekannt, leider. Aber darum geht es heute gar nicht. Berichte zu Folge war der abgestützte Journalist erfahrener Kletterer.

Was zu bedenken ist, ist dass es Umstände gibt, die das Risiko eines Unfalls erhöhen. Ablenkung und  Dauerstress zählen dazu.

Darum versuchen wir uns bei Kletteraktionen daran zu halten, mit der Polizei unten (oder oben wenn man sich von einer Brücke abgeseilt hat) nicht zu kommunizieren und auf Klettern zu konzentrieren. Die Kletter*innen kommunizieren nur mit ihren Vertrauenspersonen, die sicherheitstechnisch den richtigen Zeitpunkt zu wählen wissen um Informationen zu kommunizieren.  In der Regel  übernehmen Menschen, die die Ankerpunkte bewachen (Seilwache) oder am Boden unterstützen den Kontakt. Oft will die Polizei nicht verstehen, dass indem sie diese Vertrauenspersonen festnimmt, Menschen gefährdet. Sie macht auch so tolle Kampagnen gegen Handy am Steuer, will aber nicht einsehen, dass Ablenkung beim Klettern genauso gefährlich ist.

Hinzu kommen dann die abenteuerlichen gefährlichen Räumungen an sich -  Wie heute in Lorien in Hambach. Denn die Polizei lässt  entgegen ihrer öffentlichen Ankündigungen nach dem Tod des Journalisten die Menschen leider nicht zur Ruhe kommen.

Gestern wurde eine Kletterin festgesetzt, als sie sich von ihrem Baumhaus abseilte um an der Gedenkstätte für den Verstorbenen trauern zu können. Parlamentarische Beobachter konnten ihre Ingewahrsamnahme verhindern, sie erhielt aber einen Platzverweis  und ihr Klettergurt wurde beschlagnahmt. Heute werden in Lorien Mono- und Tripods geräumt, in gewaltsamer und gefährlicher Art und Weise. (inzwischen wurde der Versuch abgebrochen, die Menschen haben sich erfolgreich dagegen gewehrt)

Angeblich geht es um Rettungswege. Aber das ist wie schon vor dem offiziellen Beginn der Räumung, es geht in Wirklichkeit um Zermürbungstaktik und Vorbereitung der Räumung der Baumhäuser, die Konstruktionen stehen diesem Vorhaben in dem Weg.Die Feuerwehr an inzwischen erklärt, das die Räumungen der Konstruktionen zu dem von der Polizei angegebenen Zweck nicht notwendig ist.

Die Räumung wegen angeblichem Brandschutz war behördenintern schon Ende August beschlossene Sache.

Aber anstatt zu diesem Zeitpunkt Auflagen zu erteilen, wurde den Menschen dann vergangene Woche 30 Minuten Zeit gelassen ihre Baumhäuser zu verlassen. Was sie natürlich nicht taten. Einige zeigten stattdessen ihre Feuerlöscher!

Wenn  der Brandschutz ernst gemeint gewesen wäre, hätte die Polizei zahlreiche Feuerlöscher die Woche davor nicht als "Waffe" beschlagnahmt.

Wenn  der Brandschutz ernst gemeint gewesen wäre, hätte die Polizei nicht ständig Kletterausrüstungen "zur Gefahrenabwehr" beschlagnahmt (Beispiel eines Fotografen). Diese werden eben im Notfall selbst in einem sicheren Baumhaus benötigt, um sich abzuseilen. Die Menschen in den Bäumen haben mehrere Rettungsseile. Aber diese können nur mit entsprechender Ausrüstung genutzt werden.

Wenn  der Brandschutz ernst gemeint gewesen wäre, wäre die Gefahr für jede Konstruktion Einzel begutachtet worden und Auflagen zur Erfüllung von Sicherheitsstandards erteilt worden. Räumung nur wenn dies nicht geschieht.

Landwirtschaftministerin Klöckner hat am ersten offiziellen Tag der Räumung zynischerweise die Waldtage 2018 eröffnet und einer Schülerin für ihren Beitrag bei einem Waldfotowettbewerb ein Wochenende in einem Baumhaus geschenkt!? Also geht ein Baumhaus nach Vorschrift wohl! Ich hätte gern die Baugenehmigung gesehen, was es da für Vorschrift gibt und so.

Im hambacher Forst ging es aber um  vorgeschobene Begründung für eine Räumung. Damit der Steuerzahler und nicht RWE für die Kosten aufkommt. Wenn Gefahr im Verzug besteht und es offiziell nicht mit den Rodungen zu tun hat, muss RWE ja nicht zahlen.

Einige Menschen haben nach dem tödlichen Sturz des Journalisten gesagt, die Räumung erfolge zurecht, es zeige doch dass Gefahr drohe. Interessant, dass plötzlich nach sechs Jahren und einem extrem trockenen Sommer "Gefahr im Verzug" herrscht, ausgerechnet wenn der Regen wieder kommt. Ich kann nicht sagen, dass der Hambacher Wald nicht abbrennen kann. Ein alter Mischwald ist allerdings viel besser geschützt als ein aus Monokultur bestehender Forst, wie der Wald, der in Brandenburg diesen Sommer lange gebrannt hat.

Kleiner Seitenhieb:

Brandgefährlich sind die Übungen der Bundeswehr. Seit Wochen brennt es bei Meppen. Ich bin dafür die Bundeswehr umgehend stillzulegen. Es besteht Gefahr im Verzug wenn die Uni(n)formierten nicht kapieren, dass man in einen trockenen Moor keine Raketen rein ballern darf, insbesondere nicht wenn die Löschanlagen nicht zur Verfügung stehen. Das Interview  hier ist entlarvend. Aber gut der Staat darf mit dem Feuer spielen. Nebenbei ist die Umweltbelastung ganz schön beträchtlich: Der Naturschutzbund (NABU) Emsland rechnet mit 500.000 bis 900.000 Tonnen Kohlenstoffdioxid, die bislang in die Luft gelangt sind. Diese Menge würden 50.000 Bundesbürger im Schnitt pro Jahr verursachen.

Im Fall Hambach ist anzumerken, dass der Unfall erstmals mit Brand nicht zu tun hatte. Brandgefährlich ist viel mehr der Einsatz im Wald. ein Brand kann durch Fahrzeuge ausgelöst werden, die Polizisten und RWE-Mitarbeitern wurden bei den Einsätzen häufig mit Zigarette im Mund beobachtet. Am Dienstag stecke die Polizei eine Wiese selbst in Brand um diese dann mit ihrem Wasserwerfer zu löschen. 

Und was "Baumängel" angeht: Selbst in einer bürgerlichen Behausung können Unfälle passieren. Die Dritte Dimension hat ihre eigenen Regel. An der Schwerkraft kommt niemand vorbei. Als Kletteraktivistin gilt für mich: Auf Plattform immer gesichert bleiben, auf Hängebrücken auch. In meiner Hängematte übernachte ich auch gesichert. Ich kenne einen Fall indem passiert ist, dass die Hängematte gerissen ist. War unangenehm mitten in der Nacht plötzlich in der Sicherung zu hängen. Aber eben die Sicherung hat ihre Rolle erfüllt und es wäre Absurd die Hängematte-Firma zu verklagen, weil eins gerissen ist.  

Bei einer Hängebrücke weiß ich, dass da ohne Sicherung an den Seilen ein Risiko besteht. Es muss kein Brett brechen, ich kann durch Schaukelbewegungen das Gleichgewicht verlieren. Dieses Risiko reicht für mich aus, dass ich sage: immer schön gesichert bleiben. Ich weiß nicht weshalb es am Mittwoch anders gekommen ist. Ob der Mensch ungesichert war, oder dabei war sich (um) zu sichern, ob Material versagt hat.... das weiß ich nicht. Ich war nicht vor Ort.

Und ich weiß, dass ich mich selbst nicht immer 100% an Sicherheitsstandart halte. Sei es weil Material fehlt (zb. durch Polizei beschlagnahmt oder wenn ich dieses Risiko nicht eingehen will, dann nehme ich mal wenige Material mit als eigentlich notwendig wäre), sei es weil es irgendwie bequemer ohne aufwändigem Sicherheitsprotokoll ist. Auch weiß ich von mir, dass es mir mehr als ein mal passiert ist, einfach Fehler zu machen. Falsche Schlaufe beim Umsichern am Gurt erwischen zum Beispiel.Nicht überprüfen ob ein Knoten greift beim Abseilen. Diese Überprüfung ist A und O vom sicheren klettern (BOB: Binden Ordnen Belasten bevor Mensch sich umsichert), aber Unaufmerksamkeit, ja passiert Jedem, würde ich behaupten. Gut ist es nicht, ist aber eine Realität.

Oder früher beim Bergsteigen, da gab es häufig Umstände, die eine Sicherung nach Vorschrift (welche auch immer) unmöglich machten. Oder was mache ich wenn im Kletterführer steht, Mensch brauche ein 50 Meter Zwillingsseil, ein Steinschlag mein Seil aber durchtrennt hat? Dann muss ich mich eben mit der Situation arrangieren. Wichtig ist es das Risiko zu kennen, einschätzen zu können und wenn es eingegangen wird, dass dies Bewusst geschieht, dass man weiß was Sache ist. Es gibt viele Sportarten oder Aktivitäten, die man als gefährlich ansehen könnte. Muss man sie deshalb untersagen? Ich mag die Herausforderungen des Bergsteigens, des Kletterns. Ich wende gern unkonventionelle Techniken an. Aber ich überlege es mir immer genau. Ein guter Kletterer klettert nicht nach Lehrbuch, sondern weiß seine Sicherheit einzuschätzen und ist flexibel bei unvorhergesehenen Ereignissen.

Was nicht geht ist, ist wenn durch Fremdeinwirkungen bewusst Gefahren erhöht werden.

Und im Hambi wurden solche Gefahren ausgerechnet unter dem Vorwand der Gefahrenabwehr geschaffen!  Einige Vorfälle wurden dokumentiert. Ich mache mich schon seit Tagen Sorgen und denke, dass es Glücksache ist, dass es bei den Räumungen selbst irgendwie gut gegangen ist. Menschen wurden durch Polizeigewalt verletzt (Armbruch zum Beispiel) und ständig gefährdet. Ihnen wurde durch Flutlicht und wahlweise Kettensäge- oder Affengeräusche aus Lautsprecher von Polizeifahrzeuge der Schlaf geraubt.

Wer vom Klettern Ahnung hat, braucht sich nur die Bilder anzugucken, um zu sehen wie fahrlässig - oder gar kriminell? - der Einsatz in manchen Fällen ist. Und dies nicht nur bei den Kletteraktivist*innen. Die  eine Tunnelräumung war auch sehr gefährlich, weil die Polizei zum Beispiel die Stromversorgung der Sauerstoffpumpe kappte, um dann die Feuerwehr zu rufen, die einen lebensgefährlichen CO2-Gehalt feststellte und in aller Not eine Ersatzversorgung errichten musste.

Nach dem Motto, wir bringen dein Leben in Gefahr bis du mit uns kooperierst und freiwillig raus kommst.

Weiteres aktuelles Beispiel:

Unsere Räumung bei der Moseltalbrücke bei der Uranzugblockade am 1. September war auch gefährlich. Die Feuerwehr war zur Amtshilfe nicht verpflichtet, weil es kein Notfall war. Die Freiwillige Feuerwehr hat sich geweigert zu räumen. Die Berufsfeuerwehr hat es übernommen. Sie darf (muss nicht) Amtshilfe leisten, aber sie darf wenn es kein Notfall ist, keine Situation schaffen, die Gefahren bringt. Und genau das hat sie durch ihre unfachgerechte Räumung getan. Sie hat versucht uns von der 140 Meter hohen Brücke hoch zu ziehen, hat uns dann Abgelassen damit wir mit der Drehleiter herunter geholt werden. Sie hat dabei keinen Kantenschutz bei den Sicherungsseilen an der Brückenkante genutzt, obwohl jede-r kletterer-in weiß, dass es das A und O von Sicherheit ist.

Wir haben unsere Seile wieder bekommen, sie sind an der stelle wo die Feuerwehr gezogen hat beschädigt. Daran hing unser Leben in 20 Meter Höhe und drunter war Schiene und Asphalt, kein Waldboden! Auf dem Bild ist die Farbe der Brücke, die durch die Reibung ohne Schutz auf die Seile übergegangen ist. Wir haben lautstark Kantenschutz eingefordert. Irgendwann haben sie immerhin aufgehört uns hoch und runter zu ziehen. Die haben beschlossen uns mit einer Seilverlängerung nach unten abzuseilen.

Die Drehleiter wurde dann bewegt und gedreht obwohl eine Aktivistin sich auf dem Arm der Leiter befand. Das ist mindesten vorschriftswidrig. Unsere Seile wurden von oben gelockert, verfingen und verkeilten sich in der sich drehenden Leiter. Dabei wurde unsere Sicherung vorab überhaupt nicht begutachtet. Es führte dazu, dass ich plötzlich am Banner hing, dass kein Seil hatte, das für das tragen von Personen zugelassen ist. Ich habe mich ständig umsichern müssen, um nicht die Gefahr zu laufen abzustürzen.

Als ich bereits am Boden war, stand meine Kletterpartnerin noch auf dem Arm der Leiter in ca. 4 Meter Höhe. Quasi ohne Sicherung, da die Feuerwehr ca. 130 Meter höher an der Autobahnbrücke ihr Seil gelockert und verlängert hatte. Sie hatte also sehr viel Schlappseil. In diesem Moment hat ein Polizist - offensichtlich ohne Absprache mit der Feuerwehr - das untere Seilende gezogen. Die Kletterin ist abgestützt. Sie hat den Boden etwas gefedert erreicht, da das gelockerte Seil auf Spannung ging . Es war Zufall, dass das Seil sie noch etwas fangen konnte. Und eigentlich sind 4 Meter Sturz in einem Statikseil NOGO!!! Es hat nur deshalb gefedert, weil ein über 130 Meter langes Seil wegen ihrer Länge, doch recht elastisch ist. Meine Kletterpartnerin wurde nicht verletzt, weil sie sich beim Aufprall (auch etwas gefedert war dies ein Aufprall) mit den Beinen abstützte. Ich wurde dabei am fotografieren gehindert.

Der Einsatzleiter dazu gegenüber einen Demonstranten: "Ich habe nichts gesehen".

Meine Kletterpartnerin ist zum Glück ganz fit. Ich hätte in dieser Situation keine Chance gehabt, einen Unfall zu vermeiden, ich hätte sehr wahrscheinlich Verletzungen davon getragen, da ich mich auf meine Beine kaum stützen kann, wegen meiner rheumatischen Grunderkrankung.

Einige Bilder der Räumung gibt es in meiner Bildergalerie.

Ich hätte viele weiteren Beispiele von abenteuerlichen Räumungsaktionen durch Polizei und Feuerwehr. Spezialist für Gefährdung sind in der Regel die Vermummten SEK-Kletterer, einer ist in Kelsterbach bei der Räumung einer Besetzung gegen den Flughafenausbau von Frapport im Rodungsgebiet vor meinen Augen 6 Meter an einem Stamm unkontrolliert herunter gebrettert, weil er nicht ordentlich tapen konnte (wo hat er denn klettern gelernt...?!), geräumt wurde ich schließlich mit einer Hebebühne, siehe Bild.

Oder vergangenes Jahr als SEK-Beamten bei einer Protestaktion gegen die Bundeswehr mein Seil mit dem Messer durchtrennen wollten. Ich war am Gurt des SEK-Beamten mit einer einfachen Hexe (2 Karabiner, die mit kurzer Schlinge verbunden sind) aus dem Sportklettern, ohne Schraubkarabiner, gesichert. Und ich hing höher als der Beamte. Der Sturz auf seinen Gurt beim Durchschneiden hätte uns beide verletzt. Ich konnte ihn davon abbringen mit dem Argument ein Unfall vor laufenden Kameras würde ja nicht gut aussehen, SEKler würden sich ja immer als "die Profis" darstellen wollen.. und der Sturz würde ihn ja auch verletzen und zwar an einer unangenehmen Stelle zwischen den Beinen...

zurück zu Hambach

In einer Pressekonferenz haben die Aktivist*innen im Hambacher Wald erklärt, ihren Kampf fortzuführen, das sei auch im Sinne des Verstorbenen. Das finde ich richtig, so schwer es fällt das Geschehen zu verarbeiten. Schließlich geht es ums Ganze. Wenn wir das Klima nicht schützen, gibt es noch mehr Toten. Nur dass die Toten, die RWE und co. auf dem Gewissen haben, nicht sofort sichtbar und unspektakulär sind. Umweltverschmutzung tötet langsam.

Weil ich oft gefragt werde: Nein ich bin aktuell nicht im Hambacher Wald, verfolge aber was da passiert und engagiere mich dezentral. Ich muss mich gerade um mich, also um meine Gesundheit kümmern (Rheumaschub pp.).

Und a propos Gesundheit:

Im Hambacher Wald habe ich es nie länger als eine Woche in einem Baum an der Tagebaukante ausgehalten. Der Kohlestaub macht mich spätestens nach 3 Tagen fertig gemacht, ich hustete nur noch. Ich komme damit überhaupt nicht klar, ich könnte nicht in einem Dorf in der Nähe leben. Daher kann ich mir das Leid der Bevölkerung sehr gut vorstellen. Und dann die ganzen Auswirkungen von Klimawandel und Co. die uns alle betreffen.

Der Widerstand muss weiter gehen. Es geht nicht anders. Und Hochachtung für die widerständigen Menschen, die es so lange aushalten!

Zum Schluss ein Paar Bilder der Soli-Mahnwache in Lüneburg vor einer Woche