Ich bin austherapiert, die Basistherapie entfaltet kaum Wirkung, andere Basis-Therapien sind gescheitert oder waren wirkungslos. Darum habe ich 2016 die Ausnahmegenehmigung für medizinischem Cannabis erhalten und seit 2017 bekomme ich Cannabisblüten auf Rezept, mit einem Hamburger Rechtsanwalt habe ich auch die Kostenübernahme vor dem Sozialgericht Lüneburg erkämpft. Die Blüten, die ich in Kekse verarbeite (ich bin absolute Nichtraucherin) bewirken große Schmerzlinderung und Entspannung, sie wirken auch gegen mein PTBS, also hätte ich sie gerade mehr denn je nötig. Ich habe 4 Kekse in meiner Habe, diese werden mir aber nicht ausgehändigt. Ich habe als Alternative CBD und THC Tropfen beantragt – auch wenn die Wirkung nicht so gut wie bei Blüten ist, würde es sehr helfen -, das gibt es in der Apotheke und ist auch verschreibungsfähig, die Ärztin könnte also sicherstellen was für Wirkstoff enthalten ist, wenn es dar Argument ist, weshalb ich meine Kekse nicht erhalte, weil man nicht prüfen könne, was darin ist. Aber das will man mir auch nicht geben.

Update 14.4.: bei meiner Entlassung musste ich feststellen, dass meine Keksdose leer war! Haben die Beamt*innen mein Hanf aufgegessen????
Also meine Medizin wurde mir durch die JVA gestohlen (und vermutlich vernichtet). Die Vernichtung erfolgte gegen meinen Willen ohne mein Wissen ohne, dass dies vermerkt wurde. Ich habe vor meiner Entlassung verlangt, dass dies im Pflegebericht vermerkt wird und den Entlassungsschein auch mit dem Zusatz, dass meine Medizin mir weggenommen wurde, unterschrieben. Die Ärztin ist ausdrücklich darauf hingewiesen worden, dass die Kekse meine Medizin enthalten, ich habe ständig danach verlangt! Mein Arzt und mein Anwalt haben auch die JVA darauf hingewiesen. Ich hatte die Kopie der Verschreibung mit meinen Ausweispapieren dabei.

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Die brutale Unterbrechung meiner seit Jahren andauernden Therapie macht sich in heftiger Weise bemerkbar. Diese Art von Schlafentzug nenne ich weißem Folter. Weiß, weil nicht blutig.

Die anderen gefangenen lassen sich Beruhigungsmittel geben. Für mich kommt es nicht in Frage. Ich habe gerade hautnah erlebt, was die Klassenmedizin bedeutet und das Vollpumpen mit solchen Mitteln bewirken kann.  Es wird hier nicht auf Wechselwirkung von Tabletten geachtet und wenn die Ärztin meine Rheumatabletten schon nicht kennt, habe ich gar kein Vertrauen.

Die ältere Dame in meiner Zelle (ich schätze sie ist um die 60) ist gegen halb 1 heute Nacht  (wir haben inzwischen 5 Uhr morgens) bewusstlos umgefallen. Sie wollte mir helfen zum Klo zu gehen, es ist nicht Barrierefrei ich muss den Rollstuhl davor stehen lassen und aufgrund der Erschöpfung, Schmerzen und Anspannung des Tages mit der Verhaftung, bin ich nicht sehr stabil auf meinen Beinen. Als ich im Klo war, hörte ich einen Aufprall und konnte die Klotür zunächst nicht öffnen. Die Frau war vor der tür umgefallen. Ich habe es geschafft raus zu gehen und ihren Puls gemessen, sie ist relativ schnell wieder zu sich gekommen, aber konnte nicht aufstehen. Ich habe den Notrufknopf gedrückt. Das habe ich 3 male getan, sie wurde nämlich durch die Krankenpfleger in ihrem Bett gelegt, aber sie hat dann Blut gekotzt. Sie ist vermutlich wegen der Wechselwirkung der Tabletten, die sie erhält und falsch eingestellten Blutdrucksenker umgekippt.
Das ist schon heftig sowas zu erleben, ich bin gegen 20:30 Uhr in diese Zelle gekommen und wenige Stunden später … schon den ersten Notfall. Nach den Ereignissen des Tages mit meiner Festnahme und nun diesen Notfall, bin ich sehr aufgewühlt und nicht so wirklich bei mir. Auch weil der Schlafentzug scheiße ist.
Meine drei Nachbarinnen schlafen jetzt. Ich nicht. Aber ich mache keine Experimente mit Beruhigungsmitteln, zumal ich mit Arznei sehr oft Probleme mit Nebenwirkungen habe. Man hört Schmerzschreie von anderen Zellen. Knast macht alles schlimmer, ist Zusatzbestrafung für Menschen mit gesundheitlichen Beschwerden. Da  rede ich nicht mal über körperliche Behinderung, das macht alles noch komplizierter.

Nachtrag vom 13.4. - ich habe mich inzwischen länger mit meiner Nachbarin unterhalten. Sie war bevor sie in die Gemeinschaftszelle kam, eine Woche in einem anderem Zimmer. Es ist eine Einzelzelle im Keller mit schlechter Heizung und wenig Tageslicht. Dort hat sie Bluthochdruck wegen der schlechten Haftbedingungen bekommen. Zu Hause hat sie gesundheitliche Probleme (darum ist sie in hier im JVA-Krankenhaus), Blutdruckprobleme wie hier jedoch nicht. Sie hat Blutdrucksenker bekommen. Und als sie verlegt wurde, wurde nicht überprüft, ob das noch angezeigt ist. So kam es zum Unfall. Aber davon haben die verantwortlichen hier offensichtlich nichts gelernt. Der Frau wurde danach weiter Blutdrucksenkern behandelt, sie musste aktiv einfordern, dass ihr Blutdruck gemessen wird und überprüft wird, ob das überhaupt noch notwendig ist. Sie fühlte sich zwischendurch nämlich immer wieder sehr schwindelig.  Auch wurden keine Untersuchungen vorgenommen. Kein Röntgen, keine Überprüfung wegen Gehirnerschütterung. Sie hatte dicke blaue Flecken überall (meine Schrammen im Gesicht sind gar nichts im Vergleich), starke Schmerzen. Ein Bediensteter hat ihr Freitag Ibuprofen gegeben. Andere verweigern ihr die Schmerzmittel, weil die Ärztin diese nicht verordnet hat und tja der Notfall ereignete sich außerhalb ihrer Sprechzeiten… andere wollen nur flüssigem Ibuprofen geben, aber sie kennt Ibuprofen in dieser Form nicht und die Beamten wollen ihr die Verpackung nicht zeigen, so dass sie das nicht einnehmen will. Sie hat ja auch gute Gründe, nicht zu vertrauen, nachdem was alles passiert, zwei male wurden ihr außerdem die falschen Tabletten gegeben (Verwechslung). Behandlung hängt also von Laune und Kompetenz vom Personal...

12. April, vormittags
Das ist eine Leistung!!! ich habe zwischen 6 Uhr und 7 Uhr morgens gedöst! Sonst gar nicht geschlafen.

Das Konzept hier, ist dass es Gemeinschaftszellen gibt, damit die Gefangenen sich gegenseitig helfen können (und somit das Personal seltener gefordert wird)  und zb für den anderen den Notknopf tätigen.  Vom Sturz der Dame haben die anderen nichts mitbekommen, weil sie schliefen und die Beruhigungsmittel versetzten sie in tiefem Schlaf. Ich frage mich wie es gelaufen wäre, wenn ich nicht da gewesen wäre. Ich bin bereits mehrfach gestürzt und entweder von einer Mitgefangenen auf die Beine wieder gestellt worden oder sie haben den Notknopf getätigt. Ich bin ein mal mit dem Rolli gestürzt. Mein eigener Rollstuhl gefährdet angeblich die Sicherheit der Anstalt, ich habe ein schrottreifes Teil hier. Ich habe nicht darauf geachtet gehabt, dass es kein Kippschutz hat und bin ordentlich nach hinten hingefallen! Ich habe mich am rechten Ellenbogen verletzt. Als würden die Rheumaschmerzen nicht schon genug schmerzen! Ich fühle mich sehr schwach, bin erschöpft, darum kann ich schlecht stehen. Den Rollstuhl benötige ich weil ich ansonsten beim Gehen starke Schmerzen habe (Gonarthose Grad IV in beiden Knie) und nicht stabil laufe, meine Knie knicken ohne Vorwarnung weg.

Ich warte immer noch darauf, dass ich meinen Anwalt und eine Vertrauensperson darüber Unterrichten kann, wo ich mich befinde. Meine Nachbarinnen sind gerade im Hof für die Stunde Hofgang. Ich darf nicht hin, weil der Hof wo die Frauen ihre Runden drehen, mit Rollstuhl nicht erreichbar ist. Ich soll Hofgang heute Nachmittag haben, alleine im großen Hof wo sonst die Männer Hofgang haben. Der Hof der Frauen ist verdammt klein, ohne Grün, deprimierend. Und um 10 Uhr gibt es  kaum Licht. Die Zelle ist groß genug und es kommt schon Licht hinein, aber das Licht ist am Vormittag noch schwach. Die anderen meinen, ich habe Glück wenn ich Nachmittags raus darf. Denke ich auch, auch wenn ich die Stunde Hofgang gerne mit anderen hätte, statt alleine.

Teil 3 – Trubel draußen, bissl Gedanken über Unterdrückung und eine geschlossene Gesellschaft