Der Lokführer missachtete ein internationales Stoppsignal. Aus meiner Sicht war es außerdem unverantwortlich, den Gefangenenzug mit hoher Geschwindigkeit auf einer ansonsten wegen der Protestaktionen von Ende Gelände noch gesperrten Strecke fahren zu lassen. Die Situation war sowohl für RWE als auch für die Polizei unübersichtlich, es wurde dunkel. Der vorige Gefangenenzug war durch eine Protestaktion gestoppt worden. Zwei Menschen seilten sich von einer Eisenbahnbrücke ab. Es war mit weiteren Protestaktionen zu rechnen. Wenn dem so ist, ergeht der Fahrbefehl „vorsichtige Fahrt“, der Zug fährt auf Sicht um jederzeit bremsen zu können. Auch daran wurde sich nicht gehalten.

Ich stimme den Aktivist*innen zu bei der Bewertung der Situation, wonach der Lokführer von RWE Menschenleben gefährdet hat, indem er ein Stoppsignal missachtet hat.

Ich denke aber, dass es ein Fehler ist, sich darauf zu verlassen, dass die Gegenseite (hier die Verantwortlichen von RWE für den Bahntransport) sich an die eigenen Regeln hält und die eigene Sicherheit danach zu richten. Selbst wenn ein Zug ein internationales Haltesignal zu beachten hat, muss bedacht werden, dass es vielleicht doch nicht so kommt. Das gab es oft bei Aktionen gegen CASTOR-Transporte, der CASTOR fuhr gar durch brennende Gegenstände auf dem Gleis.

Ich habe möglicherweise nicht alle Informationen um die Situation an der Hambachbahn richtig zu bewerten. Aber nachdem was ich verstanden habe, haben sich die Aktivistis darauf verlassen, dass der Zug aufgrund des Stoppsignals und der Anwesenheit der Polizei wegen der Proteste an dem Tag, stoppen würde und ketteten sich an den Gleisen fest, bevor der Zug stand.

Das sehe ich sehr kritisch.

Als ich von der Geschichte erfuhr, habe ich sofort an Sébastien Briat gedacht. Sein Todestag jährt sich heute zum 14. mal. Er starb in Lothringen bei Avricourt bei einer Protestaktion gegen einen CASTOR-Transport von La Hague nach Gorleben 2004.

Er wollte sich zusammen mit anderen Aktivistis an der Schiene festketten. Die Gruppe war noch nicht festgekettet, sie bereitete die Ankettvorrichtung vor, als der CASTOR-Zug unerwartet früh kam und Sébastien beim Verlassen der Bahnanlage erwischte. Der Zug kam früher als gemeldet, weil er aufgrund einer vorigen Protestaktion schneller als üblich mit einer Ausnahmegenehmigung fuhr, um Verspätung einzuholen (er fuhr 100 statt 80 Km/h). Hinzu kommt, dass der Polizeihubschrauber, der den CASTOR begleitet und für die Aktivistis den Zug ankündigt, tanken geflogen war. Die Umstände von Sébastiens Tod haben seine Weggefährt*innen in einer Erklärung geschildert.

Das Vertrauen darauf, dass die Bahn die Geschwindigkeit einhalten und der Hubschrauber den Zug begleiten würde, trug zum Unfall bei. Bahngewerkschaftler zur Folge hätte der CASTOR nach den allgemein gültigen Bahnregeln außerdem nur auf Sicht fahren dürfen, da der Hubschrauber fehlte und mit Protestaktionen zu rechnen war. Zwei Stunden früher hatte es bereits eine Ankettaktion bei Nancy gegeben. Beim Castor hat aber nicht nur die Bahn das Sagen, sondern auch die Polizei. Sie darf dem Lockführer die Anweisung geben, bestimmte Regeln die ansonsten gelten, zu missachten. "Sonst käme der CASTOR nicht an, es stehen immer wieder Menschen neben den Gleisen" erfuhr ich bei einer späteren Gelegenheit von einem französischen Beamten.

Ich war an der Ankettaktion bei Nancy beteiligt und erfuhr von Sébatiens Tod in der Polizeizelle. Das war heftig, ich wusste nicht, ob es stimmt oder es nur Druck der Polizei ist um mich zu einer aussage zu bewegen, ich war alleine mit meinen Gedanken.

Sowohl die Erklärung von Sébastiens Weggefährt*innen, als auch zwei Kurzgeschichten, wie ich die Ereignisse erlebte und verarbeitete, sind in meinem Buch "Kommen Sie da runter!" abgedruckt. Ein Kapitel ist Sébastien gewidmet. Es war mir wichtig.
Auch wenn im Falle von Sébastien letztlich der Atomstaat Verantwortung für seinen Tod trägt. Der Unfall sorgte in der Antiatom-Bewegung für viel Diskussion. Es gab stimmen, die sich gegen künftige Aktionen dieser Art aussprachen.

Es gab aber auch Stimmen, die statt die Aktionsform zu verurteilen, sich über Sicherheit Gedanken machten. Ich werde hier nicht ins Detail gehen. Zusammengefasst heißt es: Selbst für die eigene Sicherheit sorgen und sich dabei nicht darauf verlassen, dass die Bahn die eigenen Regeln einhält. Selbst das reicht in Frankreich nicht aus. Beim CASTOR nach Gorleben 2010 wurden Menschen die sich an der Schiene in Frankreich festketteten durch die Polizei schwer verletzt: Sehnen getrennt und geschmolzen weil Kühlung beim Öffnen des Rohres durch die Polizei verweigert wurde und eine überdimensionierte Säge eingesetzt wurde.

Die jungen Aktivistis, die den Zug in Hambach mit ihrer Ankettaktion gestoppt haben, waren möglicherweise noch nicht oder gerade erst geboren, als Sébastien vom CASTOR-Zug getötet wurde. Ich weiß nicht, inwiefern die junge Generation von Umweltaktivistis, die Debatte um diese Aktionsform, die damals geführt wurde und die Konsequenzen, die daraus gezogen wurden kennen.

Darum nehme ich den Jahrestag von Sébastiens Tod zum Anlass, diese wach zu rufen.

Wir müssen aufeinander aufpassen. Der Kohle- und Atomstaat geht über Leichen. Das fängt schon beim Abbau an. Die Kohlekraftwerke sind für zahlreiche Toten durch Krankheit verantwortlich, die Atomkraftwerke für Strahlentote. Und wer dagegen Protestiert, wird als Kriminell behandelt. Polizei und Konzerne zeigen regelmäßig, dass deren Leben ihnen nichts Wert ist. Für Blutkohle werden Aktivist*innen auf der ganzen Welt ermordet. Bei Protesten hier werden zahlreiche Menschen verletzt und gefährdet. Wie zuletzt bei der Zugblockade oder auch bei der Räumung der Baumbesetzung im Hambacher Wald.

Quellen und weitere Infos

  • Meine Homepage mit der Erklärung von Sébastiens Weggefährt*innen und zwei Kurzgeschichten