Das Gefängnis ist ein Ort, wo es für Gefühle und Emotionen keinen Platz gibt - sie machen die Betroffene sogar angreifbar. Der Mensch muss funktionieren. Emotionen gehören aber zum Mensch! Ich habe es mir deshalb nicht verbieten lassen und meine Spontaneität beibehalten, meine Handlungen verteidigt. Ob Klettern auf einen Baum oder auf den Schrank weil ich mich da oben wohler fühle. Das hat die WachtmeisterInnen manchmal ganz schön durcheinander gebracht und bei Mitgefangenen für Unverständnis gesorgt."Sich wohl fühlen"? Was ist da für ein Argument?

Emotionale erste Hilfe

Schwierig im eigenen Umfeld zu vermitteln ist auch, dass man ausgerechnet wenn man raus kommt, emotionale Unterstützung gut brauchen kann. Viele Menschen sehen mich als eine erfahrene abgebrühte und starke Aktivistin. Ich kämpfe ja immer mit voller Energie und spektakulären Aktionen, wurde hunderte Male festgenommen, etc. Das bedeutet aber nicht, dass ich keine Ängste habe. Meine Ängste sind sage ich mal meist nicht so stark wie meine Überzeugung oder die Revolte, die in mir kocht. Jeder hat seine Grenzen und ich kann nicht sagen, dass meine Erfahrung der letzten Tagen mich kalt gelassen hat. Ich habe es am eigenen Körper gespürt. Störung des biologischen Rythmus (Frau merkt es an ihre Periode zum Beispiel) durch die außerordentliche Stresssituation, meine Rheumabeschwerden waren in der Zeit besonders ausgeprägt, weil ich keine Tabletten bekam und früh geweckt wurde (Stichwort "Morgensteifigkeit", rheumakranke Menschen können ein Lied davon singen). Diese unmittelbar wahrnehmbare Reaktion meines Körpers sagt mir, dass ich mich mit dem Geschehen auseinander setzen muss. Hierzu brauche ich andere Menschen, die dafür offen sind (das Kollektiv "Out of action" hat die Bedeutung dieser "ersten emotionalen Hilfe" in politischen Aktionszusammenhängen sehr schön auf den Punkt gebracht)

Die Folgen von Repression dürfen kein Tabu sein. Nur so können Betroffene gestärkt in die Zukunft zu blicken.

Gestärkt fühle ich mich in der Tat. Und das ist wichtig, weil ich bestimmt nicht zum letzten Mal ins Gefängnis gehen musste - wie die Sozialarbeiterin vom Knast im Gespräch mit mir schon vermutete. Da kann ich ihr Recht geben. Allein weil die Polizei mich für so "wichtig" hält und gerne "sonderbehandelt", präventiv einsperrt, anzeigt, etc. Ich muss wohl lernen mit dieser "Sonderrolle" klar zu kommen. Ich bin keine Chefin, keine Leiterin - die einzige Leiter die ich nützlich finde, ist eine Kletterleiter um schneller hoch zu kommen - aber im hierarchischen Weltbild der Polizei gibt es in politischen Gruppen immer ein(e) Rädelsführer(in). Sie kann sich gar nicht vorstellen, dass es ohne geht... Also ist eine unbelehrbare, uneinsichtige - wie Richtern mich in ihre Beschlüsse öfter bezeichnen - , aufmüpfige Bürgerin wie ich für diese Rolle in den Augen der Polizei prädestiniert.

Eingesperrt werde ich nur formal wegen einer angeblichen Tat. Das eigentliche (politische) Ziel dieser Repression ist mein Engagement, die Effektivität vieler Aktionen, meine "Rolle" im Widerstand (oder zumindest die Rolle die mir von der Polizei zugeschrieben wird). Repression trifft oft Einzelne. Gemeint sind aber alle Menschen im Widerstand. Es ist oft zu merken, dass die Repression gegen Einzelne nicht nur die direkt betroffene Person, sondern auch ihr Umfeld einschüchtert, weil viele angst haben, dass was einer Person passiert, ihnen auch passieren kann. Kollateral Schaden von Repression nenne ich das... "Nur gemeinsam sind wir stark". Das ist keine lose Parole, das ist ein Erfahrungswert!

Was heißt es denn, wenn ich sage ich fühle mich durch die Erfahrung im Gefängnis gestärkt?

Ich sehe zwei eng miteinander verknüpften Dimensionen: die persönliche und die politische.

Ich spüre in mir, dass ich an Selbstvertrauen gewonnen habe. Angstabbau, kann man das auch nennen. Nein, ich lasse mich nicht erpressen, ja, ich weiß ganz genau wofür ich stehe. Ich entdecke zudem einfache schöne Dinge des Lebens wieder und genieße sie mehr als vorher: Die frische Luft, das Knistern vom Holz in meinem Bauwagen, etc.

Ich bin auch froh, über meinen Gefängnisaufenthalt berichten zu können. Ich finde Berichte lebendiger, wenn sie von der Subjektivität des Erlebten geprägt sind. Ich war Gefangene - meine Berichte sind aus dieser Perspektive geschrieben. Meine Erfahrung bestätigt und verstärkt meine politische Überzeugung, was Justiz, Strafe und Gefängnis angeht - ich bin in meinem Tagebuch bereits mehrfach darauf eingegangen.

Gefängnis löst keine Probleme - Es verdrängt und verschärft sie. Es zerstört Existenzen und konditioniert Menschen. Das ist für den Staat günstig, weil keine aufmüpfige kritische BürgerInnen haben will. Es führt aber zu Rezidiv, weil die Menschen ihre soziale Bindung verlieren und nicht in der Lage sind, in der - relativen - Freiheit wo jeden Schritt nicht geregelt ist, zurecht zu kommen, selbstständig zu agieren.

Das System Gefängnis ist von Willkür geprägt. Es gibt jede Menge absurde Regeln, die weder mit den Vollzugzielen "Sicherheit" noch "Wiedereingliederung" zu begründen sind. Als Beispiel fällt mir die Regel, dass Gefangenen eigene Bücher nicht mit in die Zelle nehmen dürfen. Es ist in meinen Augen organisierter Sadismus. Menschen haben Spaß daran, anderen - legal - Leiden zuzufügen. Gut, dass ist bei vielen Polizisten auch schon so.

Das System Gefängnis ist kriminell!

Wir sehen uns beim nächsten Amtransport - egal ob in der Luft , auf der Strasse oder auf der Schiene!

Wie Franziska in ihrem  "Danke-Beitrag" nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis sagt: "Unsere Kämpfe gehen weiter, denn die Alternativen dazu sind keine."

Und ich sage auch danke an alle Menschen die mich unterstützt haben und es weiter tun!

Eichhörnchen