Scheitert die ÖPNV-Barrierefreiheit an einem historischen Bodenmosaik?

Luisenplatz in Darmstadt
Luisenplatz in Darmstadt, mit historischer Bodenmosaik.

Ich habe die Antwort des Landkreises Darmstadt-Dieburg auf meine Anfrage zur Barrierefreiheit im ÖPNV gestern veröffentlicht. Eine Antwort zu Frage 7) stand noch aus, weil im Zuständigkeitsbereich der Stadt Darmstadt. Der Landkreis hat mir nun diese weiter geleitet.
Das Ergebnis ist für den Luisenplatz, Darmstadts gößter Innenstadtplatz und Knotenpunkt des ÖPNV, ernüchternd.

Ein barrierefreier Ausbau der zahlreichen Haltestellen auf dem Platz ist nicht vorgesehen. Es wird auf den Denkmalschutz und ungünstig verlaufenden Straßenbahngleise verwiesen.

Eine Denkmalgeschützte Platzanlage mit historischem Bodenmosaik steht einem Umbau im Wege. Wieder ein mal ist Denkmalschutz wichtiger als zugänglichkeit und Nutzbarkeit. Das kommt mir etwas vorgeschoben vor, so hat man ein unschlagbares Argument, um eine Ausnahme zu begründen. Wie gestern dargelegt, sind Ausnahmen eher die Regel. Darum lasse ich es mit dem Denkmalschutz oder dem Verlauf der Gleise so nicht gelten.

Die bestehenden Haltestellen verändern bereits das Aussehen des Platzes. Sind Markierungen und ein paar Erhöhungen, dort wo die Busse halten, wirklich ein Problem für den Denkmalschutz? Das kann auf den Bereich, wo die Busse mit der Tür für den Einstieg mit Rollstuhl halten, begrenzt werden. Diese Lösung habe ich bereits in einer Stadt, ich glaube es war in der Schweiz, gesehen und bei einigen U-Bahnlinien, wo der Berreich für den Einstieg mit Rollstuhl erhöht und markiert ist (so weit ich weiß wird dies gerade auch in München in der U-Bahn umgesetzt).

Bild von SWM – Stadtwerke München mit der gelb markierter U-Bahnsteig-Erhöhung und Rollstuhlsymbol

Es mag sein, dass die Straßenbahngleise ungünstig verlaufen. Aber es verkehren auch zahlreiche Busse und es wäre schon mal einen ersten Schritt, wenn diese zugänglich wären. Und ich kann kaum glauben, dass es keine Lösung gibt, selbst wenn die Gleise gekrümmt verlaufen. Ich habe U-Bahnstationen mit « gekrümmsten » Gleisen in Erinnerung (in anderen Städten), es gibt da schon Lösungen für das Problem, wenn man wirklich will.

Viel zu schnell, wird auf vermeintlichen Alternativen verwiesen, statt nach Lösungen gesucht. Das ist Ableismus. Die hier angesprochenen Alternativen – ich kenne die Örtlichkeit – sind nicht gleichwertig. Menschen mit Behinderung werden diskriminiert.
Weder am Schloßplatz noch am Willy-Brandt-Platz verkehren exact die gleichen Linien wie am Luisenplatz. Das macht Umstiege mühsamer, oft müssen längere Strecken mit dem Rollstuhl zurückgelegt werden. Und wer zum Beispiel von der Haltestelle Schloßplatz zum Luisenplatz mit dem Rollstuhl möchte, das ist immerhin der größte Innenstadtplatz von Darmstadt, « freut » sich auf Kopfsteinpflaster und es gibt eine Steigung. Und wenn man Richtung Bahnhof eine Station weiter aussteigt (Rhein-/Neckarstr.), ist die Steigung der Straße zu groß.

Spricht, Mensch im Rollstuhl darf einen Umweg auf sich nehmen und dieser ist beschwerlich. Tolle « Alternative »!

Bei den Haltestellen um den Bahnhof Ost ist ein Umbau vorgesehen. Eine Frist wurde jedoch nicht genannt. Die gesetzliche Frist (1.1.2022) ist eigentlich abgelaufen…

Antwort v0m 13.1.2022 auf meine Anfrage bezgl Haltepunkte Luisenplatz und Darmstadt Ost:

7) Wann werden die zentralen Umsteigeplätze Darmstadt Ost (Bus und Bahn) und Luisenplatz (Darmstadt) barrierefrei ausgebaut? Warum wurden diese bislang nicht barrierefrei ausgebaut, obwohl es viel genutzte zentrale Haltepunkte im öpnv Netz sind?

Es gibt einige zentrale und weniger zentrale Haltestellen im Stadtlinienverkehr Darmstadt, die eine bauliche barrierefreie Umgestaltung nicht ermöglichen und daher per definitionem nicht für den Umbau vorgesehen sind. Hierzu gehört der Luisenplatz. Neben der denkmalgeschützten Platzanlage mit dem historischen Bodenmosaik erschweren auch die Gleislagen einen standardmäßigen Ausbau. Diese liegen jeweils gekrümmt und können aufgrund der Platzlage auch nicht in die Gerade gebracht werden. Als Ausweichmöglichkeit wird empfohlen, die bereits vollständig barrierefrei ausgebaute Haltestelle „Darmstadt Schloss“ zu nutzen und dort umzusteigen. Nach der anstehenden Baumaßnahme wird auch die Haltestelle „Willy-Brandt-Platz“ barrierefrei nutzbar sein. An dieser Station ist es aufgrund größerer Umgestaltungsmaßnahmen möglich, die Haltebereiche in die notwenige Gerade zu bringen. Für die de facto nicht umzubauende Haltestelle „Luisenplatz“ werden diverse Alternativen beleuchtet, wie diese sich als barrierearm gestalten lässt, sei es mit Hilfe innovativer Bodenmarkierung oder mithilfe von Servicepersonal als Lotsen.

Durch die Ernennung der Mathildenhöhe zum Weltkulturerbe durch die UNESCO wird auch der Ostbahnhof in das Mobilitätskonzept Mathildenhöhe als „multimodalen Verkehrsscheibe“ aufgewertet. Die Planungen sehen dabei eine neue Sortierung der Verkehrsanlagen sowie eine Aufwertung des Vorplatzes mit Aufenthaltsfunktion vor. Die Bushaltestellen an der B26, Erbacher Str. und des Shuttlebusses zur Mathildenhöhe werden dazu barrierefrei ausgebaut. Für die Reisebusse sind ebenfalls barrierefreie Zugänge vorgesehen.

Verwendete Bilder:

Beitragsbild Heidas – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=43300

Weiteres Bild (München): SWM Stadtwerke München

letztes Bild Nicolas17 – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/b1/Luisenplatz_%28Darmstadt%29.jpg