Die Walze an Repression weiter.

Prozesse und Gewahrsamnahmen haben die Stimmung noch weiter gedrückt. Das Gefühl der Ohnmacht ist bei vielen AktivistInnen präsent.

Bei einem Koordinationstreffen am 2. September wurde beschlossen, die Baumbesetzung in Le Chefresne (Waldstück la Bévinière) zu beenden. Der Wald unten bleibt besetzt, die Plattformen in den Bäumen sollen aber abgebaut werden. Die Gefahr für die körperliche Unversehrtheit der AktivistInnen in den Bäumen bei einer Räumung durch die militärische Polizei wurde als zu hoch eingeschätzt. Bei der Demonstration am 24. Juni hätte es schon Toten geben können. Die Polizei nimmt das offensichtlich in Kauf. Im Nachhinein heißt es dann, die AktvistInnen hätten sich gewehrt, die Mörder werden frei gesprochen. „Ich will keine Verletzten hier bei mir, die Demonstration in Montabot hat die Gegebenheiten verändert“ erkläre Jean-Claude Bossard der Zeitung Ouest-France gegenüber. Das Waldstück gehört ihm. (Quelle: http://leblogdejeudi.wordpress.com/2012/09/05/tht-la-resistance-baisse-dun-cran/ )

Der Aktivist, der in Montabot bei der Demonstration festgenommen wurde, stand am 6. August vor Gericht. Das Urteil wurde am 23. August verkündet. Er wurde für seine „Beteiligung an einer gewalttätigen Zusammenrottung“ zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Im gleichen Zug wurde ein Bauer des Bauernverbandes Confédération Paysanne, der sich an einer öffentlichen Mast-Abschraube-Aktion beteiligt hatte, zu 2000 Euro Geldstrafe und 3300 Euro Schadenersatz an den Netzbetreiber verurteilt.

Am 9. Oktober 2012 findet ein Prozess gegen drei Anti-Castor-AktivistInnen statt. Ihr Vergehen? Bei den Protesten gegen den letzten Castor nach Gorleben in Valognes Journalisten die Hintergründe des Protestes gegen den Atomtransport erläutert zu haben!

Für Schlagzeilen sorgte eine Familie in le Chefresne. Sie widersetzt sich der Bauarbeiten auf ihrem Grundstück und hat vor Gericht geklagt. Doch, der Netzbetreiber wartete das Ergebnis der Gerichtsverhandlung nicht ab. Er fühlt sich im Recht, die Justiz gibt dem unternehmen immer Recht. Zahlreiche Klagen sind vor dem Verfassungsgericht (Cassation) noch anhängig, entscheiden wird es aber erst in zwei bis drei Jahren. Zeit genug für den Betreiber, Tatsachen zu schaffen. Als Yves Larsonneur sich am 31. Juli einer Baumaschine auf seinen Grundstück in den Weg setzte, wurde er von der Polizei brutal festgenommen – sein Sohn wurde dabei ebenfalls verletzt. Als er freigelassen wurde, hat das Unternehmen Tatsachen geschaffen. Mitte August kam es zu einer weiteren Auseinandersetzung, ein Arbeiter fuhr auf die Lebensgefährtin von Yves Larsonneur zu und verletzte sie. Mitte September dann die späte Überraschung mit einer einstweiligen Verfügung des Gerichtes in Coutances. Dem Unternehmen wird untersagt, die Bauarbeiten fortzusetzen. Das Unternehmen hat es versäumt, eine Sondergenehmigung der Präfektur für ihre Bauarbeiten auf privatem Grundstück einzuholen. Die Entscheidung wird als Erfolg gefeiert, weil ein Gericht zum ersten Fall im Sinne von TrassengegnerInnen entscheidet. Euphorie ist aber nicht angesagt. Der Netzbetreiber hat bereits Beschwerde gegen die Entscheidung eingelegt.

Aufgeben ist nicht drin: eine neue Kampfansage an die Atomlobby

Trotz der Repression, der Spannungen, ist der Wille, weiter zu machen bei meinen GesprächspartnerInnen da. Eine Art Trotzreaktion

Gabi: „Man muss Präsent sein. Ob es nur wirkt Oder nicht wirkt . Man muss einfach da sein. Und wenn es nur für unser eigenes Bewusstsein ist. Man muss einfach da sein. Finde ich auf jeden Fall, wir müssen weiter machen. Wer weiß, man darf doch träumen. Vielleicht bauen sie es ja doch nicht. Es hat ja Atomkraftwerke gegeben, die niemals fertig gebaut worden sind, die niemals funktioniert haben.könnte ja sein.“

Morage fühlt sich durch ihre Erfahrung im Kampf gegen die Trasse und den Austausch mit anderen AktivistInnen gestärkt.

Das entdramatisiert das Ganze, diesen Austausch, das gibt Hoffnung. Ich bin eine andere Frau geworden. Vor einem Jahr schreckte mich die Vorstellung, in Gewahrsam genommen werden zu können, sehr ab. […] Ich plane meine Zeit jetzt so ein, dass eine längere Ingewahrsamnahme mich nicht allzu sehr stören würde. […] Eine Hausdurchsuchung halte ich für möglich, ich denke schon seit einiger Zeit darüber nach.[..] Das sind zum Teil unangenehme Gedanken, aber so schlimm ist es auch nicht. Das Schlimme für mich, dass ist Fukushima und ich frage mich was noch passieren muss, damit diese Geschichte mit der Atomkraft ein Ende nimmt. Das ist nämlich das Schlimme“

Morage sieht die Zukunft des Widerstandes in dezentralen direkten Aktionen – wie während des Widerstandswochenendes in Nantes geschehen. Bei ihr ist es keine Trotzreaktion, eher ein „erst jetzt recht“.

Schwäche, aber auch wissen lassen dass wir die Leitungen schwächen, ohne diese zum Fall zu bringen. Das würde ich mir nicht trauen, aber ich finde es gut. Der Netzbetreiber wird dazu gezwungen, seine Strommasten auf Schäden ständig zu überprüfen. Wir hätten da schon was erreicht. Das ist das einzige war richtig funktioniert, wo wir den Netzbetreiber richtig stören können. Das es auf geht, wenn die Menschen sich plötzlich für die Strommasten nebenan interessieren, die sie schon lange nicht mehr sehen, weil sie einfach da stehen. Die Situation wird dann ernst für den Betreiber. Es gibt ja noch ein paar Bauprojekte.“

Genau solch eine Aktion ereignete sich in Nantes in der Nacht vom 22. auf den 23. Juni. In einer Erklärung an die Adresse der AktivistInnen vom Camp in Montabot hieß es: „Viele Menschen beteiligen sich an das Widerstandswochenende gegen die HSL in Le Chefresne. Wir wären gerne dabei gewesen, es war uns aber nicht möglich zu kommen.Letzte Nacht, zwischen Freitag den 22. und Samstag den 23. Juni, haben wir in der Nähe von Nantes in der Süd-Loire zwei Füße eines HSL-Strommastes angesägt. Das war für uns das erste mal und finden es überhaupt nicht schwierig. Ich haben uns beim sägen gedacht, das ist verdammt laut, aber ein paar Dutzend Meter entfernt war schon nichts mehr zu hören. Wir hatten Handschuhe, im Fingerabdrücke zu vermeiden, das Bekennerschreiben haben wir mit einem die Anonymität garantierendes Betriebssystem Namens T(A)ils verbreitet. Eine solche Aktion wollen wir wiederholen. Vielleicht in 15 Tage bei laRoche-sur-Yon.
Wir hoffen, diese Geste wird euch gefallen und zu ein erfolgreiches Wochenende beitragen. Bravo alle.
Quelle: http://nantes.indymedia.org/article/25850

Wenige Wochen später, am 6. August, den Tag der Gerichtsverhandlung gegen den Aktivisten, der in Montabot festgenommen wurden war, ein neues Bekennerschreiben aus der Gegend Nantes. Dieses Mal fielen mehrere Masten, darunter eins von der neuen Trasse, den Sägen zum opfer. „ Mehre Strommasten sabotiert, gegen Atomkraft und Repression“ hieß es auf Indymedia Nantes (Quelle: http://nantes.indymedia.org/article/26011 )

Assemblee du Chefresne

Am 2. September versammelten sich AktivistInnen und engagierte EinwohnerInnen von Le Chefresne und Umgebung. Ihre Erklärung gibt die Entwicklungen der letzten Monaten wieder: Es wird zu vielfältigen dezentralen Aktionen gegen die Unternehmen, die mit der Atomkraft, der Hochspannungsleitung und anderen zerstörerischen Projekten befasst sind, aufgerufen. Bedingung: die Aktionen müssen die körperliche Unversehrtheit der Personen respektieren.

Aus der Erklärung:„[...] Der Bau der Hochspannungsleitung in Le Chefresne soll bald zu Ende gehen: ein letzter Strommast soll errichtet werden, das kleine Waldstück in la Bévinière soll gefällt werden. Wir wollen eine dezentrale Antwort auf diese zentralisierte Repression geben. Wir rufen euch dazu auf, überall aktiv zu werden, wo Unternehmen wie RTE (Netzbetreiber) , Vinci oder Areva ihre Finger drin haben und zur Kontrolle, zur Militarisierung unseres Leben beitragen. Sei es durch Hochspannungsleitungen, AKWs, Autobahnen, Hochgeschwindigkeitslinien für Züge, Verbrennungsanlagen, Atommüll-End- und Zwischenlagern. Die Solidarität mit dem Kampf gegen die Hochspannungsleitung soll dort auftreten, wo die Repressionsorgane sie nicht erwarten. Unsere Kräfte wollen wir bewahren, wir wollen uns nicht mit Prozessen überfordern und die Spannung aufrecht erhalten. Das bedeutet, wir werden nicht klein beigeben. Wir leben alle unter Hochspannungsleitungen.

Zeigen wir unsere Solidarität mit den TrassengegnerInnen mit allerlei Aktionen, die die körperliche Unversehrtheit der Personen respektieren [...]

Sand im Getriebe sind die AktivistInnen sicherlich – ihr Widerstand ist notwendig. Auch wenn etwas zermürbend und wie ohne Chance. Sie haben es mit einer sehr mächtigen Atomllobby zu tun. Die Atompolitik wird seit 50 Jahren mit Milliarden vom Staat unterstützt, mit Hilfe der Armee durchgesetzt.

Das Geschehen sollte zum Nachdenken bringen. Es betrifft uns alle. Die radioaktiven Wolken machen keinen Halt an der Grenze, die Atomgeschäfte und andere wahnsinnige unnötige umweltzerstörende Großprojekte auch nicht. Das wird Gegenstand des nächsten und vorletzten Artikel dieser Serie.

Eichhörnchen, Oktober 2012


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