Ob nun Castor-Transporte, Stuttgart 21, Atom- und Kohlekraftwerke oder Genmais - wo Gegenwehr nötig ist, findet man auch Lecomte. Als ehemalige französische Jugendmeisterin im Sportklettern hat sie eines ihrer größten Hobbys politisch fruchtbar gemacht. Überwiegend finanziert durch die »Bewegungsstiftung«, versteht sich die 32-Jährige als »Kletterglied in der Widerstandskette« und hält den Polizeistaat mit Baumbesetzungen, Fassadenklettern oder Luftakrobatik in Atem. Ihre Freunde haben der tapferen Französin deshalb schon liebevoll den Spitznamen »Eichhörnchen« verpasst. Ganz so putzig finden die Ordnungshüter dieser Republik die sympathische Dame aus den Vogesen aber nicht. Friedrich Niehörster, der Polizeipräsident Lüneburgs, bezeichnete Lecomte in einem Fernsehinterview als »absolut nervig und total krank«.

Immer wieder erfahren sie und ihre Mitstreiter offene Schikane durch die Behörden, die es nicht dulden wollen, dass Menschen auf unkonventionelle Weise zivilen Ungehorsam praktizieren. Ihre Arbeit »gegen ein System, das von einer Demokratie nur den Schein hat und real wie eine Diktatur funktioniert«, erweist sich als mühsam, gefährlich und bisweilen frustrierend. In Baden-Württemberg schnitt etwa die Polizei ein Seil der baumbesetzenden Parkschützer ab und nahm die schwere Körperverletzung der Aktivisten in Kauf. Eine Polizistin wiederum verlangte 1200 Euro Schmerzensgeld, weil sie sich beim Wegtragen von Castortransport-Gegnern - und damit im Zuge einer veritablen Freiheitsberaubung - an der Hand verletzte. Der in Ordnungshaft einsitzenden, an chronischer Gelenkentzündung leidenden Lecomte werden hingegen tagelang ihre wichtigen Rheuma-Medikamente verweigert. Immer wieder wird sie »präventiv festgenommen« oder observiert. Bei einer Bahnreise nach Hamburg heften sich mehrere Polizeibeamte an ihre Fersen, weil sie ein Seil im Gepäck hat - sie wollte jedoch in der Hansestadt lediglich einen »Schnupperkurs Klettern für Kinder« geben.

Auch wenn ihre Sprache nicht gerade geschliffen daherkommt und der Text ein gründlicheres Lektorat vertragen hätte, trifft Lecomte beim Erzählen dieser Geschichten doch genau den Ton, der solch einem Werk angemessen ist: Gekonnt changiert sie zwischen Komik und Empörung, zwischen Ironie und Sarkasmus, zwischen Heiterkeit und Wut. Außerdem ist ihr Buch nicht nur ein Panorama der Unfähigkeit deutscher Behörden im autoritären Kapitalismus, mit friedlichem Protest demokratisch umzugehen. Es liefert obendrein praktische Tipps für eigenes politisches Engagement und wertvolle juristische Hinweise für etwaige Konfrontationen mit der bundesdeutschen Klassenjustiz. Und es ist ebenso erfrischend wie motivierend, wenn das renitente Eichhörnchen trotz aller Widrigkeiten zum ermutigenden Schluss kommt: »Die Reaktion der Herrschenden sagt mir: Klettern ist effektiv und subversiv. Weiter so!«. Dem ist wahrlich nichts hinzuzufügen.