Ein Güterzug, der Richtung Norden fuhr, wurde gestoppt. Auch ein Urantransport wurde im Güterbahnhof Koblenz Goldengrube vor dem Aktionsort angehalten. Die Weiterfahrt des Uranzuges wurde durch den Protest um ca. sieben Stunden verzögert.

Die  Moseltalbrücke, über welche die A61 führt, ist mit einer Höhe von über 100 Metern und einer Länge von ca. 900 Metern ein imposantes Bauwerk. Vom Aussichtspunkt  „Moselblick“, der direkt unter der Brücke über einen Fußweg zu erreichen ist, hat mensch einen wunderschönen Ausblick auf die Mosel und die darum liegenden Weinberge, Wälder und Ortschaften. Die Region lebt von touristischen Aktivitäten wie Kanufahren.

Was aber nur wenige Menschen wissen: Neben der Mosel verläuft eine Bahnstrecke, über die regelmäßig Uranerzkonzentrat, welches per Schiff mit Schiffen der Hamburger Reederei MACS aus Namibia im Hamburger Hafen im Hafenterminal der Atomumschlagfirma C. Steinweg ankommt, zur Orano (Ex-Areva) Uranfabrik in Narbonne Malvési in Südfrankreich transportiert wird.

In Namibia wird das Uranerz in offenen Tagebauen abgebaut und der Müll daraus unter freiem Himmel gelagert, was dazu führt, dass sich die Radioaktivität über weite Landstriche verteilt und diese verseucht. Durch das Auswaschen des Urans führt der Uranabbau zusätzlich zu Wassermangel in dem wasserarmen Gebiet.

Ziel des Urantransports ist die Konversionsanlage in Narbonne, dort wird es weiter verarbeitet, bevor in mehreren weiteren Schritten nach vielen weiteren Transporten Brennelemente für Atomkraftwerke daraus gefertigt werden. Aktivist*innen aus 15 verschiedenen Ländern – darunter welche von der Aktionsgruppe an der Moseltalbrücke – trafen sich Anfang August für ein internationales Antiatom-Camp in Narbonne. Neben gut recherchierten Vorträgen zur Situation in diversen Ländern, wurde über die Anlage in Narbonne referiert. Ein ehemaliger Arbeiter berichtete über die erschreckenden Arbeitsbedingungen und zahlreiche Krebsfälle in Narbonne – und in anderen Anlagen. Atomkraft tötet – auch im Normalbetrieb. In der Anlage in Narbonne wird radioaktiver Schlamm in großen Becken unter freiem Himmel gelagert, die radioaktiven Partikel werden durch den Wind in der gesamten Gegend verteilt.

Bei ihrer Aktion sendeten die Aktivist*innen Solidaritäts-Botschaften nach Bure, wo Menschen gegen die Entstehung eines Atomklos Namens Cigéo kämpfen (die GWR berichtet regelmäßig darüber) sowie in den Hambacher Forst, wo ganze Landstriche nach dem Willen von RWE der schmutzigen Braukohle weiter weichen sollen. Ironie der Geschichte ist, dass für den Betrieb von Atomlagen Kohlekraft genutzt wird. Der Kampf gegen diese fossilen Energiequellen ist nicht voneinander zu trennen ist. Allein für die Versorgung der Uranminen in Niger bei Arlit – wie Namibia eine Bezugsquelle der Uranfabrik in Narbonne – wird ein Kohlekraftwerk betrieben. 400.000 Tonnen Kohle jährlich. Für die Entsorgung des radioaktiven giftigen Mülls, der bei der Verarbeitung von Uranerzkonzentrat in UF4 in Narbonne Malvési entsteht, soll eine Müllverbrennungsanlage „THOR“ gebaut und für deren Betrieb Steinkohle importiert werden. 5700 Tonnen Steinkohle sollen es nach den Plänen von Orano (ex-AREVA) werden.

Räumung der Kletterblockade

Zur Räumung der Kletterblockade wurde die Feuerwehr hinzugezogen, obwohl keine Pflicht zur Amtshilfe bestand, den Kletter*innen im Seil ging es gut. Zuerst wurde versucht, die Kletterseile der Aktivist*innen an der Brücke hoch zu ziehen. Hierbei wurde jedoch nicht die Konstruktion der Seile beachtet und es wurde kein Kantenschutz für die Seile angebracht, was eine unnötige Gefährdung war und zur Beschädigung der Seile führte. Nachdem jedoch Hinweise dazu an die Polizei weitergegeben wurden, kam eine Drehleiter zum Einsatz. Diese wurde durch die Kletterinnen gekapert, eine Aktivistin sicherte sich unterhalb des Korbes auf halber Strecke der Leiter. Aus Sicherheitsgründen darf eine Drehleiter in einer solchen Situation nicht mehr bewegt werden. Hier wurde die Drehleiter jedoch geschwenkt und Richtung Boden gekippt. Die Aktivist*innen mussten sich mehrmals neu sichern, um nicht abzustürzen und waren teilweise auch ungesichert. Eine Aktivistin stützte von ca. vier Meter Höhe ab, als ihre Sicherung an der Brücke gelockert wurde, sie noch auf der Drehleiter stand und ein Polizist an einem Seil zog und sie somit zum Absturz brachte. Glücklicherweise wurde die Aktivistin bei diesem gefährlichen Manöver nicht verletzt. Um 9 Uhr war die Räumung der kletternden Aktivist*innen abgeschlossen.

Der Urantransport passierte dann mit ca. 7h Verzögerung. Von der Bundespolizei und verschiedenen Medien wurden zunächst Falschmeldungen herausgegeben.

Die Bundespolizei Koblenz verbreitete auf twitter, auf der Strecke habe sich ein normaler Güterzug befunden. Die Lokalzeitung meldete, mit Bezug auf die Bundespolizei, es sei nicht nur ein falscher Zug gestoppt worden, der fragliche Urantransport sei außerdem bereits früher gefahren. Dies entpuppte sich jedoch als falsch. Der Urantransport wurde gegen 9 Uhr in Koblenz Goldgrube gesehen und auch fotografiert, die Bilder davon auf twitter veröffentlicht. Da auf der Urmitzer Brücke eine Baustelle war, musste der Zug noch auf weitere Güterzüge warten, die dann ebenfalls durch die Kletteraktion aufgehalten wurden. Das erklärt, weshalb auch andere Güterzüge aufgehalten wurden.

Die Durchfahrt des Urantransportes durch Winningen, die Ortschaft hinter der Moseltalbrücke, wurde um 12 Uhr beobachtet und fotografisch festgehalten.

Hinter der Falschmeldung, die ungeprüft durch Zeitungen übernommen wurde, vermuten die Aktivist*innen die Absicht der Bundespolizei den legitimen und wichtigen Widerstand als unprofessionell und unwirksam zu diskreditieren.

Die Aktivist*innen haben aber ein Ziel erreicht. Der Rummel um die Aktion, auch um die Falschmeldungen der Polizei, brachte Journalist*innen dazu, mehr über diese Transporte zu recherchieren. Mehrere Tage nach der Aktion waren die Atomtransporte sowohl in der Rhein-Zeitung als auch im Volksfreund (Zeitung aus Trier) Thema. Menschen, die in der Zeitung über die Aktion und die Transporte erfuhren, meldeten sich bei der Kampagne gegen Urantransporte, um mehr darüber zu erfahren. Über die Aktion wurde darüber hinaus in französischen Zeitschriften berichtet und die Freund*innen von Sortir du Nucléaire haben sich sehr über die tatkräftige Unterstützung in ihrem Kampf gegen die Anlage in Narbonne gefreut.

Die Aktion war aus Sicht der deutsch-französischen Aktionsgruppe erfolgreich, selbst wenn die Bundespolizei Anzeigen zu Nötigung und Störung öffentlicher Betriebe fertigte.

Die Aktivist*innen sehen es gelassen: „Wir brauchen eine ganz andere Stromversorgung. Kohle- und Atomkraftnutzung sind mit fatalen Umweltschäden verbunden, deshalb müssen wir sofort aus beidem aussteigen und erklären uns auch solidarisch mit den Protesten gegen Braunkohle im Hambacher Forst. Wir wollen eine Energieversorgung, die von den Bedürfnissen von Menschen und Umwelt bestimmt wird und nicht von profitorientierten Konzernen. Wir waren letztes Jahr mit einer Floßtour hier und forderten das. Wenn das nicht reicht, halten wir eben Züge an – wir werden wohl damit weiter machen müssen.“

Die Aktionsgruppe freut sich über Spenden. Zur Deckung von Material- und Prozesskosten und um künftige Aktionen zu ermöglichen. Denn es braucht langem Atem, um diesen Transporten und der Atomkraft ein Ende zu setzen.

Am 7. November 2018 findet vor dem Amtsgericht Hamburg Harburg der nächste Prozess gegen eine Kletteraktivistin statt, wegen einer Kletteraktion gegen einen Uranzug in den Hamburger Hafen im Jahr 2014 (die GWR berichtete).

Tami und Eichhörnchen

Weitere Informationen:

urantransport.de (zu Atomtransporten)

nirgendwo.info (zu Prozessen gegen Atomkraftgegner*innen)

Spendenkonto:

Inhaber: VusEumUmseP e.V.

IBAN: DE30 8306 5408 0004 0613 81,

Betreff: Anti-Atom-Aktion