Anruf Sammel Mobil: Rollstuhlfahrer*innen ausgesperrt

Es fing mit dem „Anruf Sammel Mobil“ in Lüneburg an. Der ASM verkehrt zu festen Zeiten, wenn keine Busse fahren, Mensch muss bezahlen auch wenn er / sie einen Dauer-Abo für den ÖPNV hat, der Dienst ist aber immerhin billiger als eine normale Taxifahrt.. Das Sonntags der Fall, der erste Bus fährt erst um 13 Uhr und ich wollte um 10 Uhr aufbrechen. Ich melde mich vorschriftsmäßig beim ASM 30 Minuten vor Abfahrt. Doch, als ich meinen Rollstuhl, der zusammengeklappt in einem Kofferraum hinein passt, erwähne, werde ich abgewimmelt. Rollstuhlfahrer*innen werden grundsätzlich nicht befördert, das sei Vorschrift. Das Falt-Argument stimmt den Menschen nicht um. Ich darf nicht mitfahren. Punkt. Ein Blick auf die Homepage des Landkreises Lüneburg bestätigt dies. Die Homepage ist sowohl beim Thema ÖPNV als auch Barrierefreiheit sehr spärlich gefühlt. Und beim ASM steht ohne weitere Erklärung, Barrierefreiheit sei nicht möglich.

Da Taxen und Mietwagen als ASM eingesetzt werden, ist systembedingt eine Barrierefreiheit nicht möglich ( aus dem Flyer als  pdf, zuletzt aufgerufen am 20.7.18) )

Ich lese zwischen den Zeilen: Barrierefreiheit, Nicht-Diskriminierung mobilitätseingeschränkter Menschen geht uns am Arsch vorbei, hat keine Priorität, siehst du selbst wie du teilhaben kannst.

Ich reiche umgehend eine Dienstaufsichtsbeschwerde beim Landkreis ein. Schließlich gibt es ja ein Personenbeförderungsesetz, das besagt, dass der ÖPNV bis 2022 barrierefrei zu sein hat (Umsetzung einer EU-Regelung) und Verzögerungen zu begründen sind, etwa mit einem erheblichen baulichen Aufwand. Davon kann bei einem Taxiunternehmen, das als Dienstleister im öffentlichen Auftrag fährt, wohl nicht die Rede sein.(Beschwerde als pdf).
Aus §8 PBefG:

[...] Der Nahverkehrsplan hat die Belange der in ihrer Mobilität oder sensorisch eingeschränkten Menschen mit dem Ziel zu berücksichtigen, für die Nutzung des öffentlichen Personennahverkehrs bis zum 1. Januar 2022 eine vollständige Barrierefreiheit zu erreichen. Die in Satz 3 genannte Frist gilt nicht, sofern in dem Nahverkehrsplan Ausnahmen konkret benannt und begründet werden. Im Nahverkehrsplan werden Aussagen über zeitliche Vorgaben und erforderliche Maßnahmen getroffen. [...]

Ich erhalte 2 Wochen später eine Antwort von der zuständigen Sachbearbeiterin beim Landkreis (immerhin mit * gegendert.-):


Es ist leider richtig, dass das ASM derzeit nicht barrierefrei ist. Unser Dienstleister verfügt nicht über die notwendige Anzahl von Fahrer*innen und Fahrzeugen, die erforderlich wären einen barrierefreien Transport zu garantieren. Es müssten dazu erhebliche Vorhaltezeiten in Kauf genommen werden. Dies wäre nur zu verhindern, wenn entweder die Anmeldefristen deutlich verlängert werden oder alle Fahrzeuge barrierefrei und alle Fahrer*innen geschult wären. Dies ist aus logistischen Gründen zur Zeit nicht möglich, da wir uns eines Taxiunternehmens bedienen.

Kein Wort zu der Tatsache, dass andere Landkreise – die sich auch eines Taxi-Unternehmens bedienen – Rollstuhlfahrer*innen selbstverständlich befördern oder Lösungen für ihren Fall, wie ein monatliches Budget für normale Taxi-Kosten wenn der ÖPNV für sie nicht erreichbar ist, anbieten. Ich bin inzwischen in Kontakt mit dem Lüneburger Behindertenbeirat und einem Kreisabgeordneten. Die Angelegenheit werde ich nicht auf mich sitzen lassen, zumal ab 2019 neue Verträge mit den Dienstleistern für ÖPNV in Lüneburg geschlossen werden. Barrierefreiheit soll bitteschön ausgeschrieben und Interessenvertretung behinderter Menschen miteinbezogen werden! Das ist bislang nicht passiert, der Behindertenbeirat von Lüneburg wurde nicht mal um Stellungnahme gebeten (wird aber nun trotzdem mitmischen und sich melden!). Es geht um politischen Willen, Es ist nicht "leider" nicht möglich!
Aus §8 PBefG:

[...]Bei der Aufstellung des Nahverkehrsplans sind die vorhandenen Unternehmer frühzeitig zu beteiligen; soweit vorhanden sind Behindertenbeauftragte oder Behindertenbeiräte, Verbände der in ihrer Mobilität oder sensorisch eingeschränkten Fahrgäste und Fahrgastverbände anzuhören. Ihre Interessen sind angemessen und diskriminierungsfrei zu berücksichtigen. .[...]


Weil der ASM sich weigert mich mit meinem Rollstuhl zu befördern, rolle ich zum Bahnhof. Die 3,8 Kilometer sind für meine kranken Gelenke eine Kraftakt. Ich erreiche den Zug eine Stunde später als geplant – nicht ohne Mühe. Denn: am Bahnhof Lüneburg ist der Aufzug Gleis 1 mal wieder kaputt und seit der Bahnhofssanierung gibt es keinen ebenerdigen Dienstweg über die Schienen, der im Notfall benutzt werden könnte. In den letzten Wochen habe ich oft mit kaputten Aufzügen bei der Bahn zu kämpfen gehabt und beim Mobilitätsdienst der Bahn bekommt man in solchen Fällen einfach eine Absage ohne Alternative. Die Bediensteten dürfen keine Rollstühle tragen, das sei nicht versichert. Vor Ort zeigen an diesem Sonntag sich die Mitarbeiter*innen kulant und helfen meinen Begleiter beim Tragen des Rollstuhls. Ich quäle mich mit meinen Gehstützen die Treppe herunter (ich habe ja das Glück, dass ich, auch wenn es schmerzhaft ist, laufen kann). Im Zug treffe ich auf andere Rollifahrer*innen, die ebenfalls zur Mobilitätsmesse nach Hamburg wollen.

Bahn: Kaputte Aufzüge, kein Gleiswechsel und "Upps wir haben Sie vergessen"

Die Schaffner sind sichtlich gestresst. Sie erläutern uns, dass wir nicht bis zum Hamburger Hauptbahnhof fahren dürfen, weil der Aufzug Gleis 13 nicht funktioniert und die Bahn einen Gleiswechsel abgelehnt hat. Wir müssen in Hamburg Harburg aussteigen und uns durch die viel zu steile Unterführung bis zur S-Bahn durchschlagen. Der S-Bahnfahrer lehnt aber viele von uns ab, denn es dürfen angeblich nur zwei Rollifahrer*innen pro S-Bahn mitfahren. Beim Umstieg am Hauptbahnhof ist in der zweiten S-Bahn dagegen nicht mehr die Rede davon. Wir fahren zu viert mit. Der Fahrer fragt uns, wo wir aussteigen wollen, weil die Lücke zum Bahnsteig beim Ein- und Aussteigen mit einer Metallplatte überbrückt werden muss. Er vergisst dann aber den Halt „Sternschanze“ („Entschuldigung, das ist eine Ausbildungsfahrt, wir waren in Gesprächen vertieft und haben Sie vergessen) und wir müssen eine Station weiter aussteigen und zurück fahren. Irgendwann kommen wir an. Endlich. Und wir können uns über „Mobilität“ informieren, es ist kurz vor 14 Uhr. Ich hetze durch die Messe, weil ich 2 Stunden später wieder am Bahnhof sein will und wer weiß wie gut ich dorthin komme.

Ich habe inzwischen geübt, über die Lücke zwischen S-Bahn und Bahnsteig mit meinem Rolli zu „springen“, das geht weil es keinen Höhenunterschied gibt. Weitsprung nenne ich das. Ich
benötige bei der Hamburger S-Bahn die Platte nicht mehr, ein Hindernis weniger!

Rückfahrt mit Hindernissen

Die Rückfahrt dauerte nicht so lange wie die Hinfahrt, ohne Hindernisse war sie aber auch nicht. Ich durfte am Hauptbahnhof einsteigen, die Bahn hatte dieses mal einen Gleiswechsel für den Metronom erlaubt. Beim Metronom dauert es aber eine Weile, bis die Rampe für Rollis heraus gefahren wird, das müssen entweder der/die Schaffner*in oder der/die Lockführer*in mit einem speziellen Schlüssel machen – es ist leider nicht wie zb. im Rhein Main Verkehrsverbund wo viele Regio-Züge eine Platte haben, die am Bahnhof beim Anhalten des Zuges automatisch raus fährt. Manchmal muss der Lockführer dafür von ganz Vorne nach Hinten zum Behindertenwagen joggen, wenn kein Schaffner da ist. Mein Zug verspätete sich um 5 Minuten. Kein Weltuntergang… es sei dem es ist Sonntag und Mensch wohnt in Lüneburg. Spricht der ÖPNV ist Sonntags miserabel. Es fahren nachmittags Busse, aber die fahren nur stündlich. Sie sind angeblich auf die Zeiten der Regionalbahn aus und nach Hamburg abgestimmt – warten bei Verspätung jedoch nicht. Der Schaffner im Zug versuchte das Busunternehmen zu erreichen, um darum zu bieten, dass der Bus auf mich wartet. Es ging aber keineR ran. Ich habe meinen Bus noch gesehen. Aber nicht bekommen.

Die Quittung: ein heftiger schmerzhafter Rheumaschub

Da ich keine Lust habe, eine ganze Stunde auf den nächsten Bus zu warten, rolle ich nach Hause. Eine fatale Entscheidung, wie es sich am Tag später herausstellt. Ich habe meine Gelenke damit überlastet. Übung ist gut, Überlastung nicht. Die Entzündung in den Gelenken ist hoch gegangen. Die Storry hat mir einen Schub einer noch nie erreichten Intensität beschert. Ich war 3 Wochen lang kaum in der Lage mich fortzubewegen, konnte keinen Schritt machen, musste den ganzen Tag im Rolli verbringen, schlief Nachts nicht, litt unter Panikattacken, weil die Schmerzen nicht in den Griff zu bekommen waren und ich verzweifelt war. Ich fand keinen Umgang mit den unerträglichen Schmerzen, heulte Nachts stundenlang. Der Schub ist inzwischen vorbei, hat aber in Körper und Seele deutliche Spuren hinterlassen. Ob der Schub nicht so oder so gekommen wäre, kann ich nicht sagen. Aber gut war die Überlastung sicher nicht.

Ich mache derzeit eine Reha in Bad Bocklet. Mein Ziel ist es, mit meiner Krankheit und den ganzen Einschränkungen besser klar zu kommen, sie in den Griff zu bekommen, mir die Hilfe die ich benötige holen zu können. Begeistert bin ich nicht, ich hasse es, mehrere Wochen am gleichen Ort zu sein! Und ich langweile mich – u.a. weil der ÖPNV – mal wieder – nicht barrierefrei ist. Auf der Homepage der Klinik steht im FAQ dass diese Barrierefrei ist – aber die gucken nicht über den Tellerrand, wenn sie Informationen veröffentlichen. Unerwähnt bleibt, dass man das Gelände im Rolli gar nicht selbstständig verlassen kann, dass man gar nicht ins Dorf kommt, weil die Straße zu steil ist (selbst mit Zusatz-Elektroantrieb unbenutzbar). Und die Busse… naja verkehren sehr selten, nur bis 17 Uhr abends, einige sind barrierefrei erreichbar, aber viele nicht und es steht nicht auf dem Fahrplan welche Busse Rollifahrer*innen denn nutzen können und welche nicht. Warte ich 2 Stunden auf den nächsten Bus, wenn der erste mich nicht mitnimmt? Nein Danke. Ich verbringe also meine freie Zeit mit Gesprächen, Jonglieren, Lesen, Schwimmen und Musik spielen – und am Computer. Happy bin ich hier nicht. Bad Bocklet ist NICHT für Rollifahrer*innen die auch mal Lust haben raus zu kommen zu empfehlen!

Bild unten:
Auszug aus dem Infotafel zur Freizeitgestaltung in der Reha Klinik Bad Bocklet. Für Got isses barrierefrei. Kommende Woche gibt es im Kurpark ein furchtbares Gelöbnis, ist bestimmt auch barrierefrei... Habe immerhin mein T-Shirt dabei "If WAR IS the answer, the question must be fucking STUPID"

Kolumne: anders sein

Ich leide seit 2004 an chronische rheumatoide Arthritis (Autoimmunkrankheit, schmerzhafte chronische Gelenkentzündung). Der Verlauf meiner Erkrankung gilt als schwer beeinflussbar. Auf dem Papier habe ich einen Grad der Behinderung von 80 mit Merkzeichen G und B. Aber was heißt „Behinderung“ im Alltag? Das ist nicht auf eine Plastikkarte mit der Aufschrift „Schwerbehindertenausweis“ zu reduzieren! „
Ich berichte in dieser Kolumne „anders sein“  über den Kampf um eine adäquate Schmerzbehandlung, über meine Erfahrungen als Schwerbehinderte und den Umgang der Gesellschaft damit. Manche Texte richten sich an „gesunde“ Menschen, es geht um Vermittlung, weil „gesunde“ Menschen sich in den Alltag chronisch kranker Menschen nicht hineinversetzen können. Andere Texte, können anderen Betroffenen Ideen für ihren eigenen Kampf gegen die Krankheit und die Mühlen des bürokratischen Gesundheitssystems nützlich sein.