Der Hubschrauber fliegt. Ob er uns sehen kann? Ob die anderen schon entdeckt wurden? Wir liegen eng nebeneinander unter einer Plane. Ich zittere. Der Waldboden ist feucht. Die Morgensonne schafft es durch die Blätter nicht durch. Werden wir es schaffen? In Zeiten wo das Wort Atomausstieg in aller Munde ist, liegt es mir besonders am Herzen mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen darauf aufmerksamen zu machen, dass dem leider so nicht ist. In Gronau wird Uran für Atomkraftwerke in alle Welt angereichert. Heute ist ein Transporttag für den Müll aus der Anlage. Der Müll soll nach Frankreich. Aus den Augen und dem Sinn. Atommülltourismus als Scheinentsorgung. Nein, das darf nicht sein!

Der Hubschrauber ist weg. Wir klettern los.

Ich bin erst wenige Meter hoch gekommen und schon außer Atem. Der Rucksack mit den Seilen wiegt schwer! Noch ein paar Meter und wir sind alle vier außerhalb der Reichweite. Der Hubschrauber fliegt über uns. Ich umarme den Baum und traue mich keine Bewegung. Wir dürfen nicht zu früh entdeckt werden! Ob es eine gute Idee war, genau die Bäume beim Bahnkilometer 36/2 zu wählen, wo ich bereits vor vier Jahren gegen einen Atommülltransport sechs Stunden lang demonstrierte? Damals war es ein Überraschungscoup, mit Protest in dieser Form rechnete die Polizei nicht. Ich bin inzwischen bei meiner fünften Aktion über dieser Strecke in luftiger Höhe. Vor vier Jahren waren es noch „Wertstofftransporte“ nach Russland. Dem konnte der Protest ein Ende setzen [die GWR berichtete]. Heute fährt die selbe Fracht, als Müll deklariert, nach Frankreich.

Dieses mal bin ich nicht alleine. Weder in der Luft noch am Boden. Das ist ein schönes Gefühl.

Eine Regionalbahn fährt unter uns durch und bremst kurz darauf. Ein bremsender Zug, das haben die anderen KletteraktivistInnen auch wahr genommen. Was nun? Hat uns der Lokführer gesehen? Glänzen unsere frisch gespannten Seile in der Sonne?

Es vergeht eine viertel Stunde und es ist immer noch keine Polizei zu sehen. Der Bahnverkehr scheint aber eingestellt zu sein. Per Funk kommt dann die Erklärung: In Höhe vom Bahnübergang K65/Welbergener Damm demonstriert ein Dutzend AktivistInnen; zwei Menschen haben sich an der Schiene fest gekettet. Yeah! Die Maulwürfe haben es auch geschafft! Ich freue mich und spüre Erleichterung. Doch die Aktion fängt erst an. Das wissen wir. Ihr „Glück“ kennt die Polizei noch nicht. Der Hubschrauber kreist ohne Ende. Er beschäftigt sich aber nicht mit uns – gesehen hat er uns noch gar nicht–, sondern mit der Demonstration vor uns. Ich mache es mir zunächst auf einem Ast gemütlich.

Wir halten uns auf dem Laufenden, die Meldungen sind verblüffend, der Zug soll in die Anlage zurück gefahren sein! Was heißt das für uns? Wir können bereits den ersten Erfolg mit hohem Symbolwert feiern.

Eine rabiate Räumung mit Ingewahrsamnahmen wird uns per Funk gemeldet. Wie geht es den FreundInnen, wo werden sie hingebracht? Diese Fragen gehen mir durch den Kopf. Doch ich muss mich jetzt auf das Klettern konzentrieren. Wir sind jetzt dran.

Zwei Stunden sind seit Beginn der Protestaktionen vergangen, die Polizei weiß Bescheid. Nach der Aktion ist vor der Aktion. Der Hubschrauber findet uns trotzdem nicht! Wir ziehen uns Warnwesten an und tanzen in den Seilen über die Bahnstrecke. Jetzt hat er uns! Und das werde ich bald bedauern. Der Hubschrauber kreist, der Lärmpegel macht uns wahnsinnig. Nach und nach versammeln sich PolizistInnen unter uns. Es passiert lange nichts. Die Polizei ist, wie wir es später erfahren, noch mit den AktivistInnen der Ankettaktion beschäftigt. Selber Schuld wenn sie auf die unsinnige Idee kommt, die Menschen in Gewahrsam zu nehmen und quer durch die Gegend zu karren.

Irgendwann, es ist mindestens eine weitere Stunde vergangen, werde ich von einem Herrn mit vier Sternen auf der Schulter persönlich gegrüßt. Er fühlt sich wichtig, mit seinen Sternen und seinem Megafon in der Hand. Uns beeindruckt es nicht wirklich. Sterne gibt es noch mehr im Himmel.

Eine Spezialeinheit trifft ein. Die Ausstattung an Klettermaterial eines einzigen Beamten hat bestimmt mehr Wert als unsere vier Ausstattungen zusammen.

Die Durchsagen des Polizisten mit Megafon empfangen wir mit lautem Gesang. Zwischen seinen Durchsagen schreibt sich der Polizist etwas auf. Wir amüsieren uns über die Auflage, die unserer Versammlung in den Bäumen erteilt wird: „Keine Äste herunter fallen lassen“. Das schaffen wir schon! Ich hänge bequem in der Hängematte und mache zwischendurch ein paar Übungen Kopfüber mit zwei anderen Eichhörnchen. Das macht Spaß.

Es kommt die nächste Auflage: wir müssen uns nun entfernen, den Lichtraum, ca. 12 Meter über der Schiene, verlassen. Ansonsten wird unsere Versammlung wegen Nicht-Beachtung der Auflage aufgelöst. Da hat sich der Sternen-Mensch was ausgedacht! Dann soll die Polizei unsere Versammlung selbst auflösen. Wir werden uns nicht freiwillig entfernen und vorschreiben lassen, wo wir demonstrieren dürfen!


Oben in den BäumenDie hochgerüsteten Polizisten fangen an, die Bäume rechts und links zu erklimmen. Immer wieder müssen wir sie darauf aufmerksam machen, dass sie uns gefährden, indem sie mit ihren Steigeisen auf unsere Seile treten. Steigeisen sind eigentlich völlig überflüssig. Aber die Polizisten können es nicht ohne...

Ein Turmtriebwagen kommt!“

Ich muss doch aus meiner Hängematte heraus krabbeln! Ich will mich nicht einfach so runterpflücken lassen. Ich gehe Eichhörnchen-Bulle spielen von Ast zu Ast. Der Polizist im Baum hat nicht gelernt, sein Seil korrekt mitzunehmen. Pech gehabt. Ich schnappe mir das Seil und binde es fest. Der Polizist findet das gar nicht so spaßig, er muss sich erstmals befreien, bevor er sich um mich kümmern kann. Ich lasse mich schließlich Kopfüber in die Hebebühne ziehen. Stolz erzählt mir der Kranführer der Bahn, er sei schon bei drei Aktionen mit mir im Baum dabei gewesen. Der Chef vom „Technischen Einsatzdienst für Höhen und Tiefen“ fragt wie es dem Kumpel der Fuldatalbrücke geht. Man kennt sich. Die letzte Begegnung war vor nicht einmal drei Monaten. Und die Fuldatalbrücke, das war der dreistündige Castorstopp von November 2010 bei Kassel.

Die Polizisten am Boden empfangen mich gewaltsam und drängen mich zur Seite. Ich amüsiere mich noch über das Katz- und Maus-Spiel mit dem letzten Kletteraktivisten im Baum. Die Polizisten wollen überhaupt nicht lachen. Meine Sachen werden durchsucht – und durcheinander gebracht – , es wird mir erklärt, dass ich mich nun in Unterbindungsgewahrsam befände und einem Richter vorgeführt würde. Dazu kommt es dann aber nicht. Die Polizisten haben keine Lust auf meine Klagen gegen ihre Maßnahme. Ich habe da schon einige gewonnen.

Ich werde nach einer knappen Stunde mit einem Platzverweis für die 500 Meter rechts und links von der Schiene entlassen. Dass ich auf Grund meiner Schwerbehinderung so weit nicht laufen kann, wollen die Beamten nicht verstehen. Die anderen AktivistInnen stützen mich und wir machen uns auf den Weg zum Camp. Dort mische ich bis in die Abendstunden hinein an den Vorbereitungen für die Blockade der Urananreicherungsanlage am Tag darauf mit.

Atomausstieg ist Wurzel-, Hand-, Schotter- und Seilarbeit!


Eichhörnchen, GWR Ausgabe 371 September 2012

Presseschau

Zeitungsartikel zur Veranstaltung am 5. September 2012: WN - MZ

Ankettaktion, Bilder von anti-atiom-aktuell


Bilder Kletteraktion - Von oben

Blockade der UAA

WN 1

WN 2

WN 3

WN 4 

WN 5

WN 6

WN Photos

MZ

Junge Welt

DPAD zur UAA Blockade

dpad Meldung 

BBV-Net

Radiointerview (mit Peter während der Kletterblockade)


Radiointerview Zusammenfassung erster Tag mit Irene

RN


Grenzland Wochenpost

WDR Lokalzeit zur Blockade der UAA  (1)


WDR Lokal Zeit zur Blockade der UAA
(2)

WDR Lokalzeit Ankettaktion