La ZAD du Testet wirkte von vorne herein wie David gegen Goliath. Die UmweltaktivistInnen, die das Gelände ende 2013 besetzten, kämpften gegen durch die PolitikerInnen geschützten Profitinteressen von Großbauern. Das Projekt wird vor allem von den Landwirten der FNSEA unterstützt. Diese bis auf die höheren politischen Ebenen einflussreiche Organisation steht für eine gewinnorientierte landwirtschaftliche Massenproduktion – zu Lasten der Umwelt. Sie sagt sowohl der bäuerlichen Landwirtschaft als auch UmweltaktivistInnen den Kampf an. Sie ist dafür bekannt, dass sie ihre Interesse gerne mit groß angelegten illegalen kommandoartigen Aktionen durchsetzt und dabei von der Politik in Schutz genommen wird. Wenn dagegen Landwirte der für eine bäuerliche Landwirtschaft antretende kleine Gewerkschaft Confédération Paysanne mit Aktionen des zivilen Ungehorsams gegen Massenlandwirtschaft oder -Tierhaltung protestieren, landen sie vor Gericht. Gewalttätige Szene spielten sich in Sivens schon lange vor dem Tod von Rémi ab. Landwirte der FNSEA (oder ihr nahe stehende Landwirte) setzten Bauten der UmweltaktivistInnen in la ZAD in Brand, blockierten die Zugänge zur ZAD und Griffen AktivistInnen mit Metallstangen und andere Gegenstände an. Die Gendarmerie griff nie ein. Tätig wurde sie, als die ZADs (Abkürzung für “zu verteidigende Zone“) anfingen sich in Frankreich zum erfolgreichen Symbol des Widerstandes gegen Großprojekte zu etablieren. Die ZAD von Notre Dame des Landes (Kampf gegen den Bau eines Flughafens in der Bretagne) ist das kräftigste Symbol, dafür. Die 10 000 Granaten der Polizei haben den Widerstand nicht vertreiben können.

Die Verhältnisse in le Testet sind immer anders gewesen. Die Besetzung und das dazugehörige Echo in der Öffentlichkeit wurde aber in den Augen der MachthaberInnen immer mehr zu einer Bedrohung. Das Großprojekt und sein umweltzerstörisches Charakter wurde immer mehr in Frage gestellt. Die Polizei wurde mit der Verteidigung des Geländes beauftragt. An jenem Abend an dem Rémi ums Leben kam, hatten die Gendarmen den Auftrag, ein von ihnen „Zone de vie“ (Lebenszone) genanntes Areal vor Eindringlichen zu verteidigen. Die Lebenszone wurde für Rémi zur Todeszone. Er wurde durch eine „Grenade de désencerclement“ tödlich getroffen. Diese Granaten enthalten 70gr TNT und explodieren zeitverzögert. Sie werden eingesetzt um die Menschen augenblicklich Handlungsunfähig zu machen. Die Gendarmerie darf nicht direkt auf Menschen schießen, die Granaten sollen in der Luft explodieren. Fest steht aber, dass Rémi direkt und von hinten angeschossen wurde. Die Granate verkeilte sich zwischen Nacken und Rucksack und explodierte. Rémi war sofort tot. Daran gibt es keinen Zweifel. Die weiteren Umstände seines Todes bleiben aber im Dunkel.

Die Polizei will in Notwehr gehandelt haben, sie will einen Angriff abgewehrt haben. Sie will zugleich vor dem Schießen mit dem Lichtfernglas die Umgebung überprüft haben, um – wie die Vorschrift es vorschreibt – die Anwesenheit von Menschen in unmittelbarer Nähe auszuschließen. Auf den Polizeivideos sind die angeblichen Angriffe der DemonstrantInnen aber nicht zu sehen. Auch widersprechen sich die Aussagen der Polizeibeamten, bezw änderten die Polizisten im Laufe der Ermittlungen ihre Aussagen. Auffällig ist auch, dass die ersten 10 Minuten nach dem Tod von Rémi fehlen. DemonstrantInnen schildern ein anderes Geschehen das die Polizei. Zwei DemonstrantInnen, die in den Tagen nach der tödlichen Nacht bei der Polizei aussagten, haben ihre Aussage jedoch später zurück genommen. Es wird vermutet, dass Druck auf sie ausgeübt wurde. Weitere AugenzeugInnen, die zu einer Aussage vor der Ermittlungsrichterin bereit sind, wurden immer noch nicht vernommen. Das Online-Magazin Reporterre berichtete am 24. Oktober ausführlich über den Stand der Ermittlungen. Die Familie von Rémi fürchtet, dass der Fall nie aufgeklärt wird. Wer will sich schon gegen die Militärpolizei durchsetzen?!

Die ehemaligen WegbegleiterInnen und weitere UmweltaktivistInnen verlassen sich erst gar nicht auf die Justiz und die Politik. Der Marsch, den sie für den 25. Oktober 2015 angemeldet hatten, wurde durch Kommunalverfügung verboten. Die FNSEA hatte angeblich zahlreiche Demonstrationen vor ihnen angemeldet. Die in einer Nacht und Nebelaktion errichtete Gedenkskulptur wurde jedoch nicht entfernt. Und als 300 Menschen sich am Sonntag in der Nähe von Sivens zusammen fanden, um gemeinsam zu überlegen, wie sie trotz Verbot am „Tatort“ ihre Wut und Trauer ausdrücken können würden, erschien der Generalsekretär der Präfektur : Er genehmige dich die Demonstration „um die Gemüter“ zu beruhigen. Die FNSEA, die Demonstrationen angeblich angemeldet hatte, ließ sich nicht blicken.

Der Demonstrationszug setzte sich still und langsam in Bewegung. An der Skulptur angekommen folgten einige berührende Redebeiträge in Gedenken an den jungen umweltbewegten Rémi. Ein bewegender Moment für viele AktivistInnen, die seit der polizeilichen Räumung der ZAD nicht mehr da gewesen waren.

Zu gleicher Zeit Demonstrieten einige Hundert AktivistInnen in Pont de Buis. Dort ist die Firma Nobel Sport ansäßig, Sie stellt Granten für die Polizeien und Armee der ganzen Welt her. Genau solche Granaten wie die, die Rémi getötet hat.

Bilderquelle: reporterre

Bannerslogan auf Deutsch: „vor dem 26.10.2014 Bäume niedergeschlagen – am 26.10.2014 Rémi, 21, Niedergeschossen

Quelle der Informationen: Reporterre und ZAD Blog - Zusammenfassung: Eichhörnchen

Weitere Informationen

Text über die Waffen der französischen Polizei

Artikel zum Tod von Rémi

La ZAD in Notre Dame des Landes